Schaden smart, Prämie smart? Versicherer erwarten „IoT“-Effekte

4.12.2017 – Versicherungsprodukte, die ans „Internet der Dinge“ anknüpfen, hat erst etwa jeder sechste Kompositversicherer im deutschsprachigen Raum im Angebot, besagt eine Bearingpoint-Studie. Fast die Hälfte hat aber eines in Arbeit. Alle Befragten rechnen – in unterschiedlichem Ausmaß – mit Auswirkungen des Internets der Dinge auf das Schadenmanagement. Prädestinierte Kandidaten: die Sparten Kfz, Haushalt und Gebäude („Smart Home“). Einer Marketagent-Umfrage zufolge steht ein Großteil der Österreicher „Smart-Home“- und auch „Smart-City“-Technologien offen gegenüber. Bis zum Letzten ausreizen will sie indes nur eine Minderheit.

Der 3. Dezember 1992 gilt als Geburtsstunde des „Short Message Service“, kurz: SMS. Von einem PC aus wurde damals über das britische Vodafone-Netz die erste Nachricht – ein frühzeitiger Weihnachtsgruß – an ein Autotelefon (Orbitel TPU 901) gesandt. „Zurück-smsen“ ging mit dem 2,1 Kilogramm leichten Gerät noch nicht.

Heute ist die Technik schon den einen und auch den anderen Schritt weiter. Nicht nur Telefone sind heute „smart“ (und wesentlich leichter). Vom Toaster über den Kühlschrank bis zu großräumiger Verkehrsinfrastruktur wird auch der „Rest“ laufend „intelligenter“ – nicht zuletzt durch Vernetzung. Stichwort: Internet der Dinge (englisch: Internet of Things, IoT).

IoT-basierte Produkte (noch) ein Minderheitenprogramm

Zunehmend finde dieses Phänomen auch den Weg in die Versicherungsbranche, stellt die kürzlich veröffentlichte Studie „Stand der Digitalisierung im Schadenmanagement“ des Beratungsunternehmens Bearingpoint fest.

Bisher bietet zwar lediglich ein kleiner Teil – von Februar bis Juli wurden 72 Kompositversicherer im deutschsprachigen Raum befragt – IoT-basierte Produkte an (16,7 Prozent); bei 41,7 Prozent ist ein solches aber in Planung. Die übrigen 41,7 Prozent hegen bislang keine derartigen Absichten.

Wohnverhalten als Risikomerkmal in USA „bereits gängige Praxis“

„Vorreiter der Branche war die Kfz-Versicherung, die mittels Telematik-Tarifen das Fahrverhalten, wie Beschleunigung und Geschwindigkeit, der risikoadäquaten Prämiengestaltung zu Grunde legten“, blickt die Studie zurück – und voraus: „Ähnliche Tendenzen sind im Rahmen von Smart Home in der Hausrat- und Gebäudeversicherung zu verzeichnen.“

Die „Smart-Home“-Nutzung befinde sich zwar noch im Anfangsstadium. Einige Versicherer bieten jedoch bereits Rabatte für den Erwerb dieser Technologie bei ihren Partnern an, um die Akzeptanz und Verbreitung solcher Lösungen zu steigern, heißt es in der Studie.

„Dem Beispiel der Telematik folgend wird aller Voraussicht nach der nächste Schritt sein, das (Wohn-)Verhalten als Risikomerkmal in die Prämiengestaltung einzubeziehen. Dies ist in den USA bereits gängige Praxis.“

„Grundlegende Veränderungen“ im Schadenmanagement?

„Versicherer nutzen das Internet of Things bisher hauptsächlich für Tarifierungszwecke“, so die Studie. 30,4 Prozent stimmten aber der Aussage, dass die Verfügbarkeit von Iot-Daten „das Schadenmanagement in unserem Unternehmen grundlegend verändern“ wird, voll zu, der Rest zumindest teilweise.

„Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich dieser Paradigmenwechsel zunächst in der Kfz-Sparte vollziehen“, nimmt Bearingpoint an und verweist auf einen „begünstigenden Faktor“, nämlich den Einbau automatischer Notrufsysteme in neue Fahrzeuge.

Viele Versicherer haben sich im Rahmen der Telematik bereits umfassendes IT-Know-how erarbeitet.

Aus der Bearingpoint-Studie „Stand der Digitalisierung im Schadenmanagement“

„Gesteigertes Interesse an diesen Daten zeigen neben Versicherern auch Automobilhersteller, die das Auftragsvolumen ihrer Werkstätten durch Schadensteuerung von Unfallwagen erhöhen können. Diese Entwicklung könnte bestehende Monopole von Versicherern auf Werkstattsysteme künftig befeuern oder aufbrechen.“

„Großes Potenzial“ im Schadenmanagement

Die Studie schreibt IoT-basierten Daten „großes Potenzial“ im Schadenmanagement zu: zum einen in der Prävention, etwa in Form von Unwetterwarnungen, zum anderen in der Schadenabwicklung.

„Der Prozess der Schadenmeldung ließe sich weitestgehend dadurch automatisieren, dass zum Beispiel Unfallwagen Statusinformationen direkt an den Versicherer übertragen, woraufhin automatisch eine Schadenakte mit vorbelegten Datenfeldern erzeugt wird.“ Auch wäre mittels GPS-Koordinaten eine Steuerung hin zu bevorzugten Partnerwerkstätten möglich.

„Hat sich der Einsatz IoT-basierter Daten im Kfz-Schadenmanagement etabliert, liegt es nahe, dass auch die Sachspartenversicherer in der Hausrat- und Gebäudeversicherung ihre Aktivitäten im Rahmen der Smart-Home-Technologie intensivieren werden“, meinen die Studienautoren.

Österreicher großteils für „Smart Home“ aufgeschlossen

Das könnte auch hierzulande auf Interesse stoßen – wenn nicht bei jedem, so doch bei vielen: Laut einer Umfrage, die Marketagent.com online Research GmbH im Auftrag der Plattform Digital Business Trends (DBT) im Oktober durchgeführt hat, ist ein Großteil der Österreicher „Smart-Home“-Technologien nicht abgeneigt.

Die Hälfte steht technischen Fortschritten im Wohnraumbereich positiv („sehr“: 20,2 Prozent; „eher“: 31,7 Prozent) gegenüber, ein weiteres Drittel „neutral“. Negativ gestimmt sind nur 14,6 Prozent. Dabei ist das positive Echo unter den Männern mit 61,4 Prozent signifikant größer als unter den Frauen (42,4 Prozent).

In das Ergebnis, das vergangenen Donnerstagabend in Wien veröffentlicht wurde, sind Antworten von 1.010 Personen im Alter von 14 bis 69 Jahren eingeflossen.

Die Offenheit gegenüber einem „smart“ ausgestatteten Heim ist demnach zwar groß. „Die Menschen wollen das aber nicht ausreizen“, sagt Thomas Schwabl, Geschäftsführer von Marketagent.com. Denn nur ein gutes Viertel stimmt der Aussage zu: „Je smarter mein Zuhause, umso besser.“ Ein gutes Drittel ist gegenteiliger Meinung, der Rest positioniert sich neutral zwischen diesen Polen.

Vor allem Smart-TVs, Bewegungs- und Rauchmelder

Bereits genutzt werden vor allem Smart-TVs (36,4 Prozent), Bewegungsmelder (29,2) und Rauchmelder (27,1). Jeder Vierte hat eine programmierbare Waschmaschine, jeder Fünfte eine automatische Heizungssteuerung.

Staubsaugende Roboter sind bei 15,8 Prozent in Verwendung, rasenmähende bei 6,2 Prozent. Sprachassistenten wie Amazons „Alexa“, Apples „Siri“ oder „Google Home“ bekommen von 14,2 Prozent der Befragten Anweisungen. Bei 15,5 Prozent öffnet das Garagentor automatisch.

Sofern in puncto Smart Home in naher Zukunft Anschaffungen geplant sind, wird vorwiegend nach Staubsauger-Robotern (13,6 Prozent), intelligenten Lichtsystemen (12,7) und automatischen Heizungssteuerungen (10,0) Ausschau gehalten. Sprachassistenten nannten nur 7,2 Prozent, elektronische Tür- oder Fensterschlösser 6,0.

Zusammengefasst wollen die Menschen ein leichteres Leben.

Thomas Schwabl, Geschäftsführer Marketagent.com

Vorteil: „Smart“ wird der Alltag einfacher

Als vorteilhaft wird vor allem die „Vereinfachung des Alltags“ betrachtet (52,3 Prozent). Für 36 Prozent ist Zeitersparnis ein Argument, und jeweils ein knappes Drittel schätzt es, von überall aus auf die Systeme zu Hause zugreifen zu können beziehungsweise den Energieverbrauch senken zu können. Dass es gar keine Vorteile gäbe, sehen nur 13,7 Prozent so.

„Zusammengefasst wollen die Menschen ein leichteres Leben. Keine Impulsgeber sind hingegen eine Wertsteigerung der Immobilie oder auf dem neuesten technischen Stand zu sein“, so Schwabl.

Vorbehalte in Bezug auf Privatsphäre und Sicherheit

Vorbehalte bestehen vor allem in Sachen Sicherheit: 48,8 Prozent fürchten, durch Preisgabe personenbezogener Daten zu „gläsernen Kunden“ zu werden. Etwa gleich viele haben das Risiko eines Hacker-Angriffs im Hinterkopf.

Kaum geringer sind die Gruppen jener, die eine „hohe Abhängigkeit von Maschinen“ als Nachteil sehen oder sich Sorgen machen, dass man im Problemfall mit „Hausverstand“ allein nichts ausrichten könnte.

Offen auch für „Smart-City“-Angebote

Ähnlich wie zum Smart Home sind die Österreicher zur „Smart City“ eingestellt. 49,4 Prozent präsentieren sich als Befürworter, lediglich 15,5 Prozent nehmen eine ablehnende Haltung ein.

Die weitaus meistgenannte Nutzung solcher Angebote ist das Einklinken in freies WLAN an öffentlichen Plätzen (62,0 Prozent). E-Government-Dienste nutzen 29,1 Prozent, die Handy-Signatur beziehungsweise Bürgerkarte 28,2 Prozent. Carsharing kommt auf 8,7, digitale Assistenten zur Parkplatzsuche auf 6,7 Prozent.

Wenn es um die Nutzung von (weiteren) Smart-City-Angeboten geht, so werden letztere aber besonders häufig genannt (28,0 Prozent).

Vorfreude und andere Erwartungen

Ob City oder Home: 22,6 Prozent freuen sich auf die „Möglichkeiten, die intelligente Systeme bieten werden“. Vier von zehn Befragten rechnen damit, dass in Zukunft ein Leben ohne smarte Technologie nicht mehr vorstellbar sein wird.

Ebenso viele glauben, dass Computer durch die Vernetzung intelligentr Systeme „eigenständiger, unkontrollierbarer“ werden. Ein großer Teil (61,4 Prozent) der Befragten sieht aber noch eine andere Konsequenz: „Der Mensch wird durch die ständige digitale Unterstützung die einfachsten Dinge verlernen.“

Zum Herunterladen

Eine Übersicht der Ergebnisse aus der Umfrage „Smart Living“ von Marketagent.com kann als PDF-Dokument (353 KB) von der DBT-Website heruntergeladen werden.

Die 28-seitige Studie „Stand der Digitalisierung im Schadenmanagement“ ist auf einer Webseite von Bearingpoint erhältlich.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Digitalisierung · Gebäudeversicherung · Immobilie · Kfz-Versicherung · Marktforschung · Unwetter
 
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