Unfall im Wildpark: Handelte Besucherin auf eigene Gefahr?

5.12.2019 – Die Besucherin eines Wildparks wollte Sikahirsche mit vom Betreiber erworbenen Maiskörnern in einem frei zugänglichen Gehege füttern. Dabei wurde sie von den Tieren bedrängt. Als dann noch ein Hund bellte, wurden die Hirsche unruhig. Daraufhin wollte sie sich rückwärtsgehend entfernen, stürzte und verletzte sich schwer. Ihre Schmerzensgeldforderung wurde rechtskräftig abgelehnt: Sie habe sich freiwillig einer Gefahr ausgesetzt, die Tiere seien nicht gefährlich gewesen, der Wildparkbetreiber habe seine Pflichten erfüllt und hafte nicht.

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Im Mai 2018 hat die nunmehrige Klägerin mit ihrer Familie, darunter zwei Enkelkindern, einen Wildpark besucht. Sie kaufte das vom Parkbetreiber angebotene Futter und betrat ein mehrere tausend Quadratmeter großes, frei zugängliches Gehege, in dem Sikawild gehalten wird.

Die am Eingang angebrachte Hausordnung des Wildparks erlaubt die Mitnahme von Hunden; vorgeschrieben ist nur, dass diese an der kurzen Leine geführt werden. Besucher werden weiters darauf hingewiesen, dass sie einen Respektabstand zu den Tieren halten sollen.

Außerdem erfolge laut Hausordnung das Betreten des Geländes auf eigene Gefahr. Eine Haftung für Personen- und Sachschäden wird ausgeschlossen.

Schwere Verletzung nach Sturz

Im Sikawild-Gehege kam eine größere Anzahl von Wildtieren auf die Klägerin zu und bedrängte sie, um an das von ihr mitgebrachte Futter zu gelangen. Dabei entstand eine für sie unangenehme Situation.

Als ein ebenfalls im Gehege befindlicher Hund bellte, entwickelte sich eine Unruhe unter den Wildtieren. Ein Hirsch ging gegenüber dem Hund in Angriffsstellung, ein anderer Hirsch berührte die Klägerin mit seinem Geweih, als er versuchte an das Futter zu gelangen, verletzte sie aber nicht.

Vor allem um ihre Enkelkinder zu schützen, warf sie das Futter weg und entfernte sich rückwärtsgehend von den Tieren. Dabei rutschte sie aus, stürzte und erlitt einen komplizierten Wadenbein- und Knöchelbruch.

Geschädigte fordert Schmerzensgeld

Vom Betreiber des Wildparks forderte sie Schmerzensgeld, den Ersatz von Kosten einer Pflege- und Haushaltshilfe sowie weiterer Unkosten in Höhe von insgesamt fast 27.000 Euro sowie die Feststellung der Haftung für zukünftige Folgen und Schäden aus dem Vorfall.

Der Wildparkbetreiber habe die bei der Verwahrung und Beaufsichtigung der Tiere obliegende Sorgfalt schuldhaft verletzt. Er hätte das Betreten des Geheges mit Hunden untersagen und einen ständig anwesenden Wildhüter für das Gehege abstellen müssen.

Der Beklagte wies die Forderung zurück. Die Verletzung sei nicht durch ein Tier verursacht worden, sondern auf die Schreckhaftigkeit und Ungeschicklichkeit der Klägerin zurückzuführen. Das Betreten des Geländes erfolge auf eigene Gefahr.

Erstgericht hat Forderung anerkannt

Das Erstgericht anerkannte die Forderung der Klägerin dem Grund nach. Der in der Hausordnung enthaltene Haftungsausschluss für Personenschäden widerspreche dem Konsumentenschutzgesetz und sei unwirksam.

Der Wildparkbetreiber unterliege der Tierhalterhaftung des § 1320 ABGB. Die Klägerin habe auf eine typische Tiergefahr reagiert, weshalb ihr Zurückweichen vom Schutzbereich dieses Paragrafen erfasst sei.

Vom Geweih des Sikawildes gehe eine Gefahr für die Besucher aus, so das Erstgericht. Insbesondere bei der Fütterung könne es zu gefährlichen Situationen kommen. Außerdem hätte der Betreiber das Mitführen von Hunden verbieten müssen, weil Wildtiere durch diese in Unruhe versetzt werden können.

Zwar hätte ein Wildhüter den Unfall nicht mit ausreichender Sicherheit verhindern können, der Wildparkbetreiber habe aber dennoch seine Sorgfaltspflichten bei der Verwahrung und Beaufsichtigung der Wildtiere verletzt.

Berufungsgericht

Der Wildparkbetreiber berief gegen dieses Urteil wegen einer „unrichtigen rechtlichen Beurteilung“. Das Berufungsgericht stellte einleitend fest, dass der Betreiber sehr wohl der Tierhalterhaftung des § 1320 ABGB unterliege.

Er sei verantwortlich, wenn jemand durch ein Tier verletzt werde und er nicht beweisen könne, dass er für die erforderliche Verwahrung und Beaufsichtigung gesorgt habe.

Die Beurteilung, ob die dafür erforderliche Sorgfalt eingehalten wurde, hänge von den Umständen des Einzelfalles ab. Maßgeblich seien dafür die Gefährlichkeit der Tiere, die Möglichkeit der Schädigung und eine Abwägung der Interessen.

Welche Maßnahmen erforderlich seien, hänge daher „ganz wesentlich“ von den Eigenschaften und Eigenarten sowie vom bisherigen Verhalten des Tieres ab.

Kein gefährliches Verhalten der Tiere

Das Geweih der Sikahirsche sei im Mai nur rund 15 Zentimeter lang. Es sei zu diesem Zeitpunkt mit einem schmerzempfindlichen Bastgewebe überzogen und könne daher nicht als Waffe eingesetzt werden. Damit sei von den Tieren keine Gefahr ausgegangen, so das Berufungsgericht.

Im vorliegenden Fall hätten die Tiere niemanden verletzt. Dass sie zum Futter drängten, sei kein aggressives oder sonst gefährliches Verhalten, das den Betreiber des Wildparks dazu verpflichten könnte, die Fütterungen von vorneherein zu verbieten.

Anforderungen an die Verwahrungs- und Beaufsichtigungspflicht dürften nicht überspannt werden. Die Haftung des Tierhalters trete erst dann ein, wenn die nach den Umständen gebotenen Vorkehrungen unterlassen wurden.

Aufgrund der Feststellungen habe kein Grund bestanden, das Zusammentreffen der Tiere mit Besuchern zu unterbinden, das Füttern der Tiere zu verbieten oder das Mitführen von Hunden zu untersagen.

Bewusst der Gefahr ausgesetzt

Zwar sei die subjektive Besorgnis der Klägerin angesichts der drängenden Tiere verständlich, allerdings hatte sie sich bewusst und auf eigene Gefahr in den Nahbereich der Tiere begeben.

Handeln auf eigene Gefahr liege dann vor, wenn ein Risiko leicht erkennbar sei und sich jemand dieser Situation dennoch aussetze. Gegenüber jemandem, dem ein Selbstschutz möglich und zumutbar ist, solle es aber keine Schutzpflichten geben, betont das Berufungsgericht.

Wenn das Andrängen der Tiere für die Klägerin unangenehm war oder sie es als bedrohlich empfand, hätte sie ohne weiteres auf die Fütterung verzichten können. Besucher eines Wildparks müssten damit rechnen, Wildtieren zu begegnen, womit auch gewisse Gefahren in Kauf genommen werden.

Keine Verantwortung des Wildparkbetreibers

Dass das Andrängen der Tiere subjektiv als bedrohlich empfunden wird, sei ein vorhersehbares Risiko. Dieses habe die Besucherin in Kauf genommen und könne dafür den Betreiber des Wildparks nicht zur Verantwortung ziehen.

Auch hätten sich die Sikahirsche trotz des Hundegebells gegenüber der Klägerin nicht aggressiv verhalten. Damit sei dem Wildparkbetreiber der Nachweis gelungen, dass er für die nach den Umständen erforderliche Verwahrung und Beaufsichtigung der Tiere gesorgt hat.

Mangels einer erheblichen Rechtsfrage hat das Berufungsgericht die ordentliche Revision nicht zugelassen. Die außerordentliche Revision wurde vom Obersten Gerichtshof zurückgewiesen.

Die Entscheidung im Volltext

Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien 133R81/19p vom 28. August 2019 ist im Rechtsinformationssystem des Bundes im vollen Wortlaut abrufbar.

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Haftungsausschluss
 
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