„Die Produktentwicklung wird sich ändern“

6.9.2017 – Die Produktentwicklung sei bereits in den letzten Jahren schwieriger geworden, die IDD stelle nun zusätzliche Anforderungen, stellt Vero-Vorstand Wolfgang Fitsch fest. Diese betreffen die Produktprüfung sowohl vor dessen Vermarktung als auch während dessen Lebenszyklus. „Hersteller“ können nicht nur Versicherer, sondern auch Makler sein, soweit sich an der Produktgestaltung entsprechend mitgewirkt haben. Juristin Svenja Richartz sieht für Makler mehrere Optionen. Fachverbandsobmann-Stellvertreter Gunther Riedlsperger kann sich vorstellen, dass die neuen Regeln Marktchancen bieten.

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Die Produktentwicklung werde sich ändern, sagte Klaus Koban, Leiter des Arbeitskreises Recht im Fachverband der Versicherungsmakler, vergangenen Freitag beim Expertentreffen der Versicherungsmakler im Rahmen des Forums Alpbach.

Grundlage seiner Prognose ist Artikel 25 der Versicherungsvertriebs-Richtlinie (IDD). Dieser enthält „Aufsichts- und Lenkungs-Anforderungen“ (englisch: „Product oversight and governance requirements”, kurz „POG“) für die Produktentwicklung beziehungsweise „Produktgenehmigung“ (VersicherungsJournal 29.5.2017).

Die Gesetzespassage verpflichtet den Produkthersteller, bestimmte Punkte in der Entwicklung oder „wesentlichen Anpassung“ von Produkten zu beachten und erlegt ihm auch bestimmte laufende Prüfpflichten auf (siehe Kasten unten).

Es werde dadurch zwar kein Zurück vor die Zeit der Deregulierung 1994 geben, wohl aber so etwas wie eine „indirekte Produktkontrolle“, meinte Koban.

Produktentwicklung schon seit längerem nicht mehr „so einfach“

Wolfgang Fitsch, Mitglied des Vorstands der Vero Management AG, warf ebenfalls einen Blick zurück: Nachdem früher Tarife zentral erstellt und behördlich genehmigt worden sind, sei mit der Deregulierung eine Phase gefolgt, in der Produkte auch „auf kurzem Weg“ gemacht worden seien.

Letzteres sei aber aufgrund regulatorischer Vorgaben schon in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr so ohne Weiteres möglich gewesen.

So einfach wie früher war Produktentwicklung schon in den letzten Jahren nicht mehr.

Wolfgang Fitsch, Vorstand Vero

Seit 2008, dem Ausbruch der Finanzkrise, könne man sich zudem nicht mehr darauf verlassen, dass das Finanzergebnis eine mangelnde Produkt-Performance auf dem Markt wettmacht. Die Konsequenz daraus: „Das Ergebnis muss aus der Versicherungstechnik kommen.“

„So einfach wie früher“ sei die Produktentwicklung daher schon in den letzten Jahren nicht mehr gewesen. Nunmehr stelle die IDD – zusammen mit einer „delegierten Verordnung“, die die EU-Kommission noch erlassen kann – zusätzlich Anforderungen an die Produktentwicklung.

Auch Makler können Hersteller sein

Hersteller kann dabei nicht nur ein Versicherer sein, sondern etwa auch ein Versicherungsmakler, soweit er entsprechend an der Produktgestaltung beteiligt ist. Fitsch bezeichnete Produktverhandlungen mit Versicherern als eine Kernkompetenz des Maklers und skizzierte den Produktenwicklungs-Prozess, den Vero aufgesetzt hat.

Dieser Prozess reicht – um nur einige Merkmale zu nennen – von der Produktbeschreibung über die Recherche, welches (Markt-)Potenzial für das Produkt besteht und welche Produkte bereits im Markt vorhanden sind, die Kalkulation der Kosten für Entwicklungsprozess und Vertrieb bis zum Reporting, wie sich das Produkt auf dem Markt „schlägt“.

Hinzu komme die Auswahl des Versicherungspartners, bei der Kriterien wie etwa Leistungsfähigkeit, Marktposition oder Schadenabwicklung zu berücksichtigen seien.

Für Großrisiken gilt Artikel 25 nicht. Auch „maßgeschneiderte“ Verträge wären laut dem Entwurf für die delegierte Verordnung nicht als Produktentwicklung im Sinne des Artikels 25 zu verstehen, sagte Fitsch. Dies sei gerade für Makler ein wichtiger Punkt.

Vier mögliche Konsequenzen für Makler

Für Svenja Richartz vom Hamburger Assecuradeur Mund & Fester GmbH & Co. KG ergeben sich aus den POG-Vorgaben der IDD vier mögliche Konsequenzen für Versicherungsmakler.

Wolle man auch künftig eigene Maklerdeckungskonzepte anbieten, so müsse ein POG-konformer Prozess eingerichtet werden.

Mit den anderen drei Varianten könnten sich Makler das POG-Leben leichter machen: Trennung von Kunden, die nicht in die Kategorie „Großrisiko“ fallen beziehungsweise für die die Deckung nicht individuell ausverhandelt worden ist; Vermittlung von Produkten ausschließlich „von der Stange“; oder Zusammenarbeit mit einem Assekuradeur, der die POG-Verantwortung trägt.

Schriftliches hilft

Richartz relativierte die Problematik aber insofern, als sie festhielt, dass Makler wohl auch heute schon beispielsweise Markt- und Bedarfsanalysen, den Vergleich mit Standardprodukten und Überlegungen zur Auswahl des Risikoträgers anstellen.

Sie riet allerdings dazu, dies in schriftlicher Form zu tun. Denn: Wenn die Aufsichtsbehörde prüfen dürfe, ob ein Produktentwicklungs-Prozess eingerichtet ist, „sind Sie schon einen Schritt weiter, wenn Sie etwas Schriftliches haben“.

„Würde da sogar einen Markt erkennen“

Fachverbandsobmann-Stellvertreter Gunther Riedlsperger sagte, er glaube, dass auch Versicherungsmakler und Versicherungsmakler-Gruppen schon bisher Produkte entwickelt haben, die unter die Erfordernisse der POG fallen, und „dass wir das weiter so machen sollten“.

Dass die Produktentwicklung nun auch ins Gesetz Eingang finde, hält er grundsätzlich für begrüßenswert. Für manches Maklerhaus „würde ich da sogar einen Markt erkennen“.

Artikel 25 IDD: Aufsichts- und Lenkungs-Anforderungen (Auszug)

(1) Versicherungsunternehmen und -vermittler, die Versicherungsprodukte zum Verkauf an Kunden konzipieren, haben ein Verfahren für die Genehmigung jedes einzelnen Versicherungsprodukts oder jeder wesentlichen Anpassung bestehender Versicherungsprodukte zu unterhalten, zu betreiben und zu überprüfen, bevor es an Kunden vermarktet oder vertrieben wird.

Das Produktgenehmigungsverfahren ist verhältnismäßig und entspricht der Art des Versicherungsprodukts.

Im Rahmen des Produktgenehmigungsverfahrens wird ein bestimmter Zielmarkt für jedes Produkt festgelegt, sichergestellt, dass alle einschlägigen Risiken für diesen bestimmten Zielmarkt bewertet werden und dass die beabsichtigte Vertriebsstrategie dem bestimmten Zielmarkt entspricht, und werden zumutbare Schritte unternommen, um zu gewährleisten, dass die Versicherungsprodukte an den bestimmten Zielmarkt vertrieben werden.

Das Versicherungsunternehmen versteht die von ihm angebotenen oder vertriebenen Versicherungsprodukte und überprüft die Produkte regelmäßig, wobei es alle Ereignisse berücksichtigt, die wesentlichen Einfluss auf das potenzielle Risiko für den bestimmten Zielmarkt haben könnten. Außerdem beurteilt es zumindest, ob das Produkt weiterhin den Bedürfnissen des bestimmten Zielmarkts entspricht und ob die beabsichtigte Vertriebsstrategie immer noch geeignet ist.

Versicherungsunternehmen und -vermittler, die Versicherungsprodukte konzipieren, stellen allen Vertreibern sämtliche sachgerechten Informationen zu dem Versicherungsprodukt und dem Produktgenehmigungsverfahren, einschließlich des bestimmten Zielmarkts des Versicherungsprodukts, zur Verfügung.

Wenn ein Versicherungsvertreiber Versicherungsprodukte, die er nicht selbst konzipiert, anbietet oder über sie berät, verfügt er über angemessene Vorkehrungen, um die in Unterabsatz 5 genannten Informationen zu erhalten und die Merkmale und den bestimmten Zielmarkt jedes Versicherungsprodukts zu verstehen.

[…]

(4) Dieser Artikel gilt nicht für Versicherungsprodukte, die aus einer Versicherung für Großrisiken bestehen.

Schlagwörter zu diesem Artikel
IDD · Verkauf · Vermittlerrichtlinie · Versicherungsmakler · Versicherungsvertrieb
 
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