Bedeutung privater und alternativer Anlagen für Versicherer wächst

20.1.2026 – Warum Private und Alternative Investment-Grade-Anlagen jetzt besonders relevant für Versicherer sind. – Ein Kommentar von Patrick O’Sullivan.

Patrick O’Sullivan (Bild: Barings)
Patrick O’Sullivan (Bild: Barings)

Der österreichische Versicherungsmarkt gilt als gesättigt und stark konzentriert. Aktuell verwalten Versicherungen hier mehr als 100 Milliarden Euro an Vermögenswerten. Die fünf größten Anbieter dominieren den Markt, der von intensivem Wettbewerb und Margendruck geprägt ist.

In einem Umfeld zunehmender Preiskonkurrenz rückt die Investment-Performance zunehmend in den Mittelpunkt.

Für Lebensversicherer mit langfristigen Verpflichtungen und Altbeständen garantierter Produkte gestaltet sich die Situation besonders herausfordernd, da die Renditen im öffentlichen Anleihemarkt häufig nicht ausreichen, um langfristige Verpflichtungen zu erfüllen. Gleichzeitig stehen Sachversicherer vor der Aufgabe, Liquidität zu sichern und dennoch höhere Renditen zu erzielen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen Private und Alternative Investment-Grade-Anlagen an Bedeutung. Sie bieten Versicherern die Möglichkeit, stabile Erträge zu erwirtschaften und die Portfolios breiter zu diversifizieren.

Während sich der öffentliche Investment-Grade-Markt in den vergangenen Jahren durch enge Spreads und begrenzte Anlagechancen auszeichnete, bietet der private Markt wachsendes Potenzial für langfristig orientierte Investoren.

Warum ein Umdenken jetzt notwendig ist

Angesichts der anhaltenden Unsicherheit über Zinsentwicklungen wird das Asset-Liability-Management (ALM) immer wichtiger. Die anstehenden Änderungen der Solvency-II-Regeln zur Volatilitätsanpassung schaffen eine Möglichkeit, ALM-Strategien neu zu bewerten und zu justieren. Zugleich lenken historisch enge Credit Spreads den Blick erneut auf illiquide Anlagen.

Während in den 2010er-Jahren Versicherer ihre öffentlichen Rentenportfolios zunehmend ALM-orientiert steuerten, dürfte das kommende Jahrzehnt davon geprägt sein, dieselben Prinzipien der Individualisierung und Haftungsorientierung auch auf private und alternative Anlageklassen anzuwenden.

Chancen in haftungsbezogenen und Überschuss-Portfolios

Im Lebensversicherungsbereich stehen viele österreichische Anbieter vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits belasten Altprodukte mit hohen Garantiezinsen die Bilanzen, da die zugesagten Renditen weit über den derzeit am Markt erzielbaren liegen. Auf der anderen Seite schränkt das anhaltende Niedrigzinsumfeld im Euroraum weiterhin die Profitabilität ein.

Zwar können längere Laufzeiten und geringfügig höhere Kreditrisiken die Erträge leicht verbessern, doch fällt dieser Effekt begrenzt aus – zumal der Markt nur wenige langfristige Unternehmensanleihen bietet.

Unter diesen Bedingungen gewinnen alternative Anlageklassen – insbesondere Private und Alternative IG-Anlagen wie Private Placements oder Infrastrukturfinanzierungen – an Gewicht. Sie profitieren von der gestiegenen Nachfrage nach langfristigen Cashflows, die den Verpflichtungen von Versicherern entsprechen. Auch wenn der Renditeaufschlag mit wenigen Dutzend Basispunkten klein erscheinen mag, kann er über zehn bis fünfzehn Jahre einen spürbaren Beitrag zur Gesamtperformance leisten.

Für Sachversicherer ist der Margendruck hoch, während gleichzeitig Liquidität gewährleistet sein muss. Dennoch erkennen wir effektive Möglichkeiten für Nichtlebensversicherer – und alle anderen Versicherer, die ein gewisses Maß an Liquidität und Cashflow bewahren möchten –, Zugang zu privaten und alternativen Anlageklassen zu erhalten.

Die geplanten Änderungen der EU-Solvency-II-Regeln eröffnen neue Handlungsspielräume. Demnach könnten österreichische Versicherer künftig verbriefte Instrumente mit AAA-Rating – etwa CLOs – als Teil ihrer Investment-Grade-Portfolios nutzen. Diese Papiere bieten attraktive Renditen bei gleichzeitig hoher Liquidität.

Kurzlaufende oder amortisierende Anlagen wie europäische Immobilienkredite oder Asset-Backed-Finanzierungen eröffnen ebenfalls Chancen, private Märkte zu erschließen, ohne langfristige Kapitalbindungen einzugehen – zugleich unterstützen sie verlässliche Cashflows.

Eine Anlageklasse, die derzeit sowohl bei Lebens- als auch bei Sachversicherern an Dynamik gewinnt, ist die Portfoliofinanzierung: Bei dieser Anlageklasse stellt der Investor eine Finanzierung bereit, die durch Portfolios von Vermögenswerten aus privaten Märkten abgesichert ist.

Für Versicherer eröffnet dies Zugang zu einer Anlageklasse mit Investment-Grade-Ratings, hoher Diversifikation und attraktiven variablen Zinsstrukturen. Die Spreads liegen oftmals deutlich über jenen klassischer Unternehmensanleihen, während die breite Besicherung Risiken abfedert.

Dank der variablen Verzinsung eignet sich diese Anlageklasse besonders für Versicherer mit kurzfristigen Verbindlichkeiten (wie Nicht-Lebensversicherer), während Unternehmen, die längere Laufzeiten benötigen, über derivative Overlays die gewünschte Duration erzielen können.

Auch die Anlage von Überschussmitteln rückt zunehmend in den Fokus. Direktkredite bleiben kapital-effizient unter Solvency II und sind in Europa weiterhin attraktiv, insbesondere da der US-Markt zunehmend gesättigt ist.

Europäische Immobilienfinanzierungen bieten weitere Vorteile: Sie sind variabel verzinst, durationsneutral und liefern stabile, kapitaleffiziente Erträge – perfekt für europäische Versicherer, die überschüssiges Kapital gewinnbringend einsetzen möchten.

Management von Duration- und Liquiditätsrisiken

Versicherer müssen die Key-Rate-Durationen entlang der Zinsstruktur absichern, um das Gleichgewicht zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten zu wahren. Oft geschieht dies über physische Anlagen.

In bestimmten Situationen kann es jedoch effizienter sein, Zinsänderungsrisiken mit Hilfe einer Kombination aus physischen Instrumenten und Derivaten abzusichern. So können Investoren über verschiedene Laufzeiten hinweg investieren, ohne sich vollständig an die Duration ihrer Verbindlichkeiten zu binden.

Beim Einsatz von Derivaten rückt das Liquiditätsrisiko in den Mittelpunkt – Margin Calls und Sicherheiten-Anforderungen können in Phasen hoher Volatilität rasch steigen. Daher sind sorgfältige Liquiditätsplanung und regelmäßige Stresstests unerlässlich. Ergänzende Instrumente wie sogenannte „Dirty CSAs“ und Bank-Repack-Strukturen können helfen, die Risiken zusätzlich zu steuern.

Europa und darüber hinaus

Ein globaler Ansatz bleibt für Versicherer, die optimale Erträge in privaten und alternativen Vermögenswerten anstreben, entscheidend. Spread-Strukturen unterscheiden sich deutlich von Markt zu Markt. In einzelnen Anlageklassen – etwa bei CLOs oder Direktkrediten – liegen die Spreads in Europa regelmäßig über denen in den USA. Dies ermöglicht österreichischen Versicherern attraktive Anlagemöglichkeiten im Euroraum – ohne eine Währungsabsicherung vornehmen zu müssen.

Dennoch bleibt ein globales Anlageuniversum entscheidend: Es erlaubt Versicherern, Relativwerte zwischen Märkten zu nutzen, die Portfoliodiversifikation zu verbessern und zusätzliche Einsatzmöglichkeiten – insbesondere im privaten Segment – zu erschließen.

Ausblick: Ein langfristiger Trend

In den kommenden Jahren dürfte der Anteil an Private und Alternative IG-Anlagen in den Portfolios europäischer Versicherer weiter steigen. Demografische Entwicklungen, die Verlagerung von Pensionsverpflichtungen in Versicherungsbilanzen und die wachsende Nachfrage nach planbaren Cashflows schaffen eine strukturelle Grundlage für langfristige Investitionen.

In ganz Europa verlagern sich die Pensionsverpflichtungen zunehmend zu Versicherern, was eine zusätzliche Nachfrage nach Private- und alternativen Investment-Grade-Anlagen erzeugt. Gleichzeitig werden markt- und regulierungsbezogene Entwicklungen – einschließlich der neuen risikobasierten Kapitalrahmen, die in der APAC-Region eingeführt werden – den globalen Markt weiter stimulieren.

Für österreichische Versicherer bietet sich damit eine klare Chance: Wer heute Expertise und Prozesse im Bereich privater und alternativer IG-Anlagen aufbaut, wird langfristig profitieren. Diese Anlageklassen eröffnen nicht nur zusätzliche Renditepotenziale, sondern stärken auch Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Portfolios.

Patrick O’Sullivan

Der Autor ist Head of International Insurance Solutions beim Vermögensverwalter Barings.

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Darlehen · Geschäftsbericht  · Immobilie · Lebensversicherung · Rating · Steuern · Strategie · Versicherungsmarkt
 
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