Bericht: Mehr soziale Ungleichheit, mehr Versicherungslücken

13.5.2022 – Ein Bericht des Swiss Re Institute warnt vor den Folgen zunehmender sozialer Ungleichheit. Eine davon seien negative Auswirkungen auf die Risikoabsicherung: Ohne steigende Einkommensungleichheit wäre das Prämienvolumen in entwickelten Märkten deutlich höher.

Einkommensungleichheiten innerhalb eines Landes wirken sich negativ auf sozialen Zusammenhalt, Wirtschaftswachstum und Finanzmärkte aus, sie führen alles in allem auch zu einer niedrigeren Versicherungsdurchdringung.

Anhaltende Ungleichheit beeinträchtige die Produktivität und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, untergrabe das Vertrauen in Institutionen und könne soziale Unruhen hervorrufen, heißt es weiter.

Zu diesem Schluss gelangen die Autoren des „Sigma“-Berichts 3/2022 „Reshaping the social contract: the role of insurance in reducing income inequality“, einer neuen Analyse des Swiss Re Institute (SRI).

Ungleichheit in den erhöhten Märkten gewachsen

Im Allgemeinen habe sich die Ungleichheit der Einkommen in den entwickelten Märkten in den letzten 40 Jahren erhöht. Maßzahl dafür ist der „Gini“-Koeffizient, der die Verteilung der Einkommen auf die Bevölkerung beschreibt.

Ein Koeffizient von „0“ bedeutet „völlige Gleichheit“, ein Koeffizient von 100 Prozent höchste Ungleichheit. Für Österreich gibt der Bericht keine Zahl an, der Koeffizient sei aber in den letzten drei Jahrzehnten stark gestiegen. Für Nachbarland Deutschland wird er für 2018 mit 29,3 Prozent angegeben, ein Anstieg um 3,9 Punkte seit 1990.

In den Schwellenländern sei die Ungleichheit größer als in den entwickelten Ländern, sie nehme aber ab. Als einen wesentlichen Treiber dafür macht der Bericht die Globalisierung aus. Seit den 90er-Jahren sei der Mittelstand etwa in Brasilien und China so schnell wie nie gewachsen.

„Im Gegensatz dazu ist der US-Mittelstand von fast 60 Prozent der Bevölkerung in den 1980ern auf weniger als 55 Prozent 2018 zurückgegangen.“

Schwächere Haushalte unverhältnismäßig betroffen

Neuer SRI-Bericht zu Folgen ungleicher Einkommenverteilung für die Risikoabdeckung (Cover; Quelle: SRI)
Neuer SRI-Bericht zu Folgen ungleicher
Einkommenverteilung für die Risikoabdeckung
(Cover; Quelle: SRI)

Wirtschaftliche Schocks neigen dazu, Haushalte mit niedrigeren Einkommen unverhältnismäßig zu belasten, wird angemerkt. Das sei auch heute zu beobachten, da der Ukraine-Krieg die Preise für Energie und Nahrungsmittel nach oben treibe.

Das SRI verweist auch auf Zahlen des UN-Welternährungsprogramms (WFP). Dieses hatte im März festgestellt, „dass weltweit 811 Millionen Menschen jede Nacht hungrig zu Bett gehen“.

Die Zahl der von akutem Hunger Betroffenen hat sich laut WFP durch die Pandemie seit 2019 von 135 auf 276 Millionen mehr als verdoppelt.

Strukturelle Trends

Auf lange Sicht sieht das SRI strukturelle Trends wie Entglobalisierung, digitale Kluft und Klimawandel sowie Fiskal- und Geldpolitik als Treiber für Ungleichheit.

„Wir erwarten auch, dass das ‚S‘ in ESG, für soziale Aspekte, in Zukunft eine größere Rolle bei Anlageentscheidungen spielen wird.“

Ungleichheit drückt Versicherungsnachfrage

Ungleichheit habe „signifikanten Einfluss“ auf die Versicherungsnachfrage. In entwickelten Märkten, die seit den 1990ern „ungleicher“ geworden seien, habe sich die Versicherungsdurchdringung kaum gesteigert.

Hätte das „Gleichheitsniveau“ 2019 in den entwickelten Märkten – darunter die USA, Kanada, Japan, Australien, Japan, Taiwan und mehrere westeuropäische Staaten – jenem von 1990 entsprochen, dann wäre das Deckungsvolumen um 6,9 Prozent oder rund eine Viertelbillion US-Dollar (rund 220 Milliarden Euro) höher gewesen, so das SRI. Der Großteil davon entfällt auf die Lebensversicherung.

Die Deckungslücke bei Naturgefahren, so der Bericht, dürfte sich wegen gestiegener Ungleichheit in diesen Märkten seit 2019 derart vergrößert haben, dass Werte von 1,7 Billionen Dollar (rund 1,63 Billionen Euro) unversichert geblieben sind, die bei konstantem Ungleichheitsniveau hätten versichert werden können.

„Maßnahmenmix“

Den Regierungen legt der Bericht nahe, auf kurze Sicht politische Maßnahmen zu treffen, die die Problematik der Lebenshaltungskosten vieler Haushalte abfedern. Langfristig müsse das Thema Ungleichheit sowohl vom öffentlichen als auch vom privaten Sektor angegangen werden.

Die Politik sollte nach Ansicht der Autoren einen Maßnahmenmix aufsetzen, der mehr Gerechtigkeit in wirtschaftliche Chancen und Ergebnisse bringt. Sie müsse auch von Mechanismen zum Risikotransfer Gebrauch machen, um die Einkommensrisiken gerechter zu verteilen.

Letzteres könne etwa durch Systeme der sozialen Sicherheit, Transfers zum Ausbau des Risikoschutzes für Menschen mit niedrigen Einkommen oder öffentlich-private Kooperation („public-private partnerships“) zur Erweiterung der Versicherbarkeit geschehen.

Rolle für private Versicherungen

So spricht das SRI denn auch von Versicherungen als „mächtigem Werkzeug“ zur Förderung von Wirtschaftswachstum und Verringerung von Ungleichheit, indem sie Haushalte in Zeiten von Schocks unterstützen sowie dem Management und der Minimierung von Risiken dienen.

Der Privatversicherung schreibt der Bericht eine Rolle dabei zu, „Innovation voranzutreiben“, um weniger geschützte Menschen zu erreichen. In der derzeitigen Phase hoher Inflation seien ein Produktdesign und politische Unterstützung, die die Leistbarkeit von Versicherungen fördern, besonders wichtig.

Ein Schlüsselelement für die Eindämmung einer zunehmenden Bedrohung im Hinblick auf Nahrungsmittel(un)sicherheit sehen die Autoren in der Agrarversicherung.

Würde dank solcher Maßnahmen der Gini-Koeffizient in den entwickelten Märkten innerhalb der nächsten zehn Jahre schrittweise um einen Prozentpunkt sinken, so könne sich daraus eine zusätzliche Versicherungsnachfrage in Höhe von 700 Milliarden Dollar (rund 670 Milliarden Euro) ergeben.

Zum Herunterladen

Der „Sigma“-Report 3/2022 „Reshaping the social contract: the role of insurance in reducing income inequality“ kann von der Website des Swiss Re Institute heruntergeladen werden.

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Lebensversicherung
 
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