Bürgeranwalt: Diskussion um Tarifordnung der SVS

16.1.2020 – Verbandswechsel bei einem offenen Bein wollte die SVS ursprünglich nicht bezahlen, erst nach der Kontaktaufnahme durch den ORF sprach sie von einem Missverständnis und beglich die Rechnungen. Volksanwalt Achitz sieht in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ ein Problem in der Tarifordnung: Leistungen würden vom niedergelassenen Arzt weg und zur teureren Spitalsbehandlung hin gesteuert werden. Eine Änderung sei „ganz sicher“ nötig.

Der Vorwurf, dass die Sozialversicherungsanstalt der Selbständigen (SVS, bis Ende 2019: Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft SVA bzw. Sozialversicherungsanstalt der Bauern SVB) Gesundheitsleistungen nur unzureichend finanziere, war Thema der jüngsten ORF-Sendung „Bürgeranwalt“.

Anlassfall war die Erkrankung eines pensionierten Tankstellenpächters, der sich mit seinen Problemen an Volksanwalt Bernhard Achitz gewandt hatte; dieser wiederum schlug dem ORF vor, die Thematik in der Sendung aufzugreifen, wie Präsentator Peter Resetarits erläuterte.

Offener Fuß nach halbem Jahr geheilt

Seit Mai des Vorjahres litt der 70-Jährige an einem „offenen Fuß“. Wie sein behandelnder Arzt, der Allgemeinmediziner und Unfallchirurg Walter Titze, erklärt, sei Ursache dieser Erkrankung, dass Venenklappen nicht mehr schließen; das Blut staue sich und trete aus der Vene aus: „Das Bein schwillt an und irgendwann platzt es auf.“

Therapiert werde dies mit einem „gepolsterten Kompressionsverband“, so Titze. Durch die Kompression werde die Muskelpumpe erhöht, um den Druck auf die Venen wieder zu erhöhen.

Drei Mal pro Woche ist der Pensionist aus Innerschwand am Mondsee zu seinem Hausarzt in das 15 Fahrminuten entfernte Unterach am Attersee gefahren, wo er jedes Mal einen komplett neuen Verband erhielt; im Oktober des Vorjahres war die Wunde schließlich geheilt.

SVA lehnt Leistung ab

Der Patient reichte die Rechnung für die Verbandswechsel bei der SVA ein, diese lehnte die Übernahme der Kosten aber zum Teil ab: Sie übernehme lediglich eine Anlage eines Kompressionsverbands pro Monat, die verbleibenden 37 Verbände wurden als „Korrektur der Kompressionsverbände“ abgerechnet.

Der Patient sollte daher – neben dem in der Sozialversicherung der Selbständigen üblichen Selbstbehalt – einen Betrag von 547,23 Euro bezahlen. „Das kann ich mir eigentlich nicht leisten“, erklärte er gegenüber dem ORF.

Titze betont demgegenüber, dass die Neuanlage jedes Mal notwendig sei: „Der Verband muss jeden zweiten Tag komplett erneuert werden. Erstens riecht er, zweitens hält er nicht mehr und drittens ist die Kompression nicht mehr gegeben.“ Nur mit der Kompletterneuerung habe „das Ganze auch Erfolg“.

Der Arzt kritisiert, dass diese Leistung im Spital sehr wohl bezahlt werde, beim niedergelassenen Arzt aber nicht honoriert werde. Dabei handle es sich nicht um einen Einzelfall, so Titze.

Tarifordnung steuert in „falsche Richtung“

Im ORF-Studio erklärt Volksanwalt Achitz, dass hier die Tarifordnung „in eine vollkommen falsche Richtung steuert“. Was in diesem Fall entlohnt würde, führe nicht zur Gesundung des Patienten.

Es gebe einen „großen Anreiz“ für niedergelassene Ärzte, die Behandlung nicht selbst durchzuführen sondern Patienten ins Spital zu schicken, „wo die Behandlung letztendlich aber teurer ist für das System, die Patienten aber nichts kostet.“

Titze rechnet vor: Für die Erstanlage des Verbands bekommt er rund 22 Euro, dazu könne er die Erstordination verrechnen und komme so insgesamt auf rund 36 Euro. Für die Korrektur des Verbandes zahle die Kasse 7,13 Euro.

Würde er den Patienten dagegen ins nächstgelegene Spital nach Vöcklabruck schicken, würde der Taxifahrer eine Pauschale von 56 Euro bekommen, für die Fahrt zur Dermatologie in Salzburg sogar 73 Euro; für den Patienten wäre die Behandlung aber kostenlos.

SVA: Ein Missverständnis

In einer schriftlichen Stellungnahme spricht die SVS von einem Missverständnis zwischen (damaliger) SVA-Landesstelle und dem Vertragspartner. Es sei zu einem Verrechnungsfehler gekommen, man habe inzwischen den Maximalbetrag (80 Prozent der Rechnungssumme) überwiesen.

Ob man aus der Vorkorrespondenz ein Missverständnis bzw. einen Rechenfehler ablesen könne, wollte Resetarits von Achitz wissen.

Dieser zeigte sich froh, dass der Einzelfall nun gelöst sei, bemerkte aber, dass die SVS erst nach der Kontaktaufnahme durch den ORF den Fall bereinigt habe, nachdem sie vorher vom Arzt, dem Patienten und der Volksanwaltschaft erfolglos angeschrieben worden war.

Änderung der Tarifordnung nötig

„Unsere Anregung ist, dass man sich die Tarifordnung auf solche Sachen genauer anschaut und nicht in die falsche Richtung steuert, nämlich zur teureren Spitalsbehandlung hin, weg vom niedergelassenen Bereich“, so Achitz. Letzterer sei in der Regel günstiger und für den Patienten angenehmer.

In diesen und einigen anderen Fällen müsste man die Tarifordnung „ganz sicher“ verändern. Und auch der Hausarzt Titze kennt „viele ähnliche, ganz perverse Dinge“, in denen Leistungen nicht vollständig verrechnet werden können.

Ärzte würden darauf reagieren, indem sie ihre Patienten ins Spital schicken, „wissend, dass die dort auch überlastet sind“. Patienten müssten im Spital stundenlang auf die Behandlung und dann auf den Rücktransport warten: „Die sind in unserem Bereich einen halben bis dreiviertel Tag unterwegs.“

In ihrer Stellungnahme versprach die SVS abschließend, das Gespräch mit dem involvierten Arzt zu führen, „um hier zukünftig weiteren Fällen vorzubauen“. Und Präsentator Resetarits hofft darauf, dass man „aus diesem Fall etwas gelernt“ hat und dass sich „etwas bewegt“.

Weiterführende Information

Die Sendung steht noch für wenige Tage in der ORF-TVthek zum Abruf bereit. Der Abschnitt mit dem beschriebenen Fall ist unter diesem Link direkt erreichbar.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Gesundheitsreform · Senioren · Sozialversicherung
 
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