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Corona: Aufsicht ortet zahlreiche Risiken für Versicherer

25.9.2020 – Der Versicherungssektor war vor der Corona-Krise gut kapitalisiert, dennoch birgt letztere Risiken für seine Profitabilität. Das hält ein neuer Bericht der europäischen Aufsicht fest. Ein mögliches Problemfeld könne die Verbundenheit speziell mit dem Banksektor sein. Ein anderes sieht der Report in der Betriebsunterbrechungsversicherung; nicht nur, weil hier höhere Zahlungen drohen könnten, sondern auch weil es oft vertragliche Unklarheiten gebe – und damit ein großer Graubereich bestehe.

Der Ausbruch des Corona-Virus habe große soziale Verwerfungen und beispiellose Herausforderungen gebracht, „mit unvermeidlichen Auswirkungen auf den EU-Finanzsektor“.

Das hält der jüngste „Report on risks and vulnerabilities in the EU financial system“ („Bericht über Risiken und Verwundbarkeiten im EU-Finanzsystem“) fest. Es ist der erste seit Beginn der Corona-Pandemie.

Erstellt wurde er von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (Eba), der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma) und der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa).

Der kleinere Teil des rund 17 Seiten umfassenden Berichts geht auf neue Technologien und – zunehmende – Cyberrisiken ein, der größere Teil beschäftigt sich mit coronabezogenen Risiken.

Mit Puffern in die Corona-Krise

Den Versicherungssektor haben seine vor dem Corona-Schock bestehenden Kapitalpositionen mit „gewissen Puffern“ ausgestattet, stellt der Bericht fest. Im vierten Quartal 2019 sei er „mit einer Solvenzkapitalquote (SCR) von 213 Prozent im Median gut kapitalisiert“ gewesen.

Der Ausbruch der Pandemie könnte die Solvenz aber negativ beeinflussen, heißt es weiter. Für das Segment der Versicherungsgruppen sei im ersten Quartal 2020 eine Verringerung der SCR um zwölf Punkte auf 200 Prozent zu beobachten gewesen.

Unter anderem gibt der Bericht zu bedenken, dass die Forderungen nach Leistungen sowohl in der Lebens- als auch der Nichtlebensversicherung zunehmen könnten – mit entsprechenden negativen Effekten für die Profitabilität.

Problemfeld Corona und Betriebsunterbrechung

Neuer Risikobericht von EBA, Esma und Eiopa (Quelle: EBA)
Neuer Risikobericht der drei Aufsichtsbehörden
(Screenshot)

Besondere Beachtung schenkt das Papier dem Thema Betriebsunterbrechungsversicherung.

Dieses könne ein mögliches Risiko für Versicherer sein, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen könnten rechtliche Unklarheiten im Zusammenhang mit der Deckung höhere Versicherungsleistungen, zum anderen Reputationsrisiken nach sich ziehen.

Während nämlich eine Reihe von Verträgen die Deckung ausdrücklich ausschließe, seien von einigen wenigen Verträgen Schäden aufgrund behördlicher Maßnahmen ausdrücklich gedeckt. In der Mehrheit der Versicherungsverträge sei die Deckung indes „unklar“.

Großer Graubereich

Diese „weite Grauzone“ führe zu wachsendem Schaden für den Ruf des Versicherungssektors, weil die Schadenersatzleistung damit zu einer Frage der Auslegung werde. Die Eiopa beobachte bereits einige Rechtsstreitigkeiten.

Die Folgen von Covid-19 auf diesem Gebiet könnten mittel- bis langfristig sichtbar werden. Eine Umfrage habe gezeigt, dass die nationalen Aufsichtsbehörden in den kommenden Monaten eine Zunahme der Gerichtsverfahren erwarten.

Dies wiederum könnte eine Zunahme der Forderungen und Leistungen – auch wieder mit negativen Konsequenzen für die Profitabilität – auslösen.

Inlandsneigung und Verwobenheit mit anderen Sektoren

Zwei weitere Gefahrenherde identifiziert der Bericht: Seit dem vierten Quartal 2019 zeigten Versicherer eine „signifikante Inlandsneigung“ hinsichtlich direkter Investments in Staatsanleihen. Zudem sei die Branche mit anderen Sektoren verbunden.

Wegen der „Möglichkeit einer asymmetrischen Erholung vom Covid-19-Schock“ quer durch die Länder ergebe sich daraus ein Risiko.

So sehen die Autoren der Analyse auch das „signifikante Exposure“ von Versicherern gegenüber dem Banksektor – vor dem Hintergrund negativer Auswirkungen der Pandemie auf diesen – potenziell als „Kanal der Risikoübertragung und der Ansteckung“.

Die Verbindung mit dem Fondssektor steht laut dem Bericht „auch unter Beobachtung“; das gelte speziell für die fondsgebundenen Portfolios. Angesichts möglicher künftiger Konjunktureinbrüche bestehe hier ein potenzielles Risiko.

Aufsicht gab seit Beginn der Krise mehrere Stellungnahmen ab

Die Versicherungsaufseher haben sich seit Beginn der Corona-Krise wiederholt zum Umgang mit derselben zu Wort gemeldet.

Im März wurden Empfehlungen zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs und zur Sicherung der Kapitalausstattung veröffentlicht (VersicherungsJournal 19.3.2020). In der Folge rief die Eiopa zu Verbraucherfreundlichkeit, entsprechendem Informationsfluss und, wo es sinnvoll und möglich ist, zu Flexibilität auf (VersicherungsJournal 3.4.2020).

Im weiteren Verlauf legten Eiopa und Finanzmarktaufsicht (FMA) den Versicherern Maßnahmen hinsichtlich der Dividendenausschüttung und zu einer „konservativen“ Politik bezüglich variabler Vergütungen nahe (VersicherungsJournal 6.4.2020, 4.8.2020).

Im Juli äußerte die Eiopa die Erwartung, dass Versicherungsprodukte darauf untersucht werden, ob die Corona-Krise substanzielle Auswirkungen auf sie hat, und gegebenenfalls Schritte gesetzt werden (VersicherungsJournal 10.7.2020).

Zum Herunterladen

Der vollständige Bericht („Joint Committe Report on risks and vulnerabilities in the EU financial system“) kann als PDF-Dokument (1,07 MB; englisch) heruntergeladen werden.

 
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