Corona und die Auswirkungen auf die Kinder-Unfallambulanz

14.1.2021 – Im März und April 2020 sank die Tagesfrequenz in der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie des Wiener SMZ Ost gegenüber dem Vergleichszeitraum 2919 im Schnitt von 23 auf 13 Unfallaufnahmen pro Tag. Das zeigt eine Analyse des KFV und des SMZ Ost. „Tendenziell auffällig“ sei, dass Eltern in der Erstversorgung oft mangelhafte „Hausmittel“ anwenden, die die Verletzung sogar noch verschlimmern können.

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Corona hat die Art und Weise, wie wir unseren Alltag verbringen, bekanntermaßen stark verändert.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) hat nun zusammen mit dem Wiener Klinikum Donaustadt (SMZ Ost) untersucht, wie sich die Ausgangsbeschränkungen auf das Geschehen in dessen Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie ausgewirkt hat.

Hierfür wurden die Ambulanzkontakte im März und April 2020 ausgewertet und die Folgemonate beobachtet.

Tagesfrequenz um rund 40 Prozent gesunken

Im Vergleich zu 2019 sank die durchschnittliche Tagesfrequenz demzufolge von 23 auf 13 Unfallaufnahmen pro Tag.

Mit 60 Prozent habe der Rückgang schon in den ersten zwei Wochen des Lockdowns seinen höchsten Wert erreicht. „Im April stieg die Zahl der aufgenommenen Unfälle wieder leicht an und erreichte wieder eine geschätzte Angleichung an das Normalniveau im Laufe des Jahres.“

Der Rückgang habe vor allem Kinder ab dem dritten Lebensjahr betroffen. Bei Kleinkindern unter einem Jahr sei „kaum eine Veränderung zwischen den zwei Vergleichszeiträumen zu beobachten“.

Anteil der leichten Verletzungen verringert

Kinder mit leichten Verletzungen seien tendenziell seltener zur Behandlung gekommen, sodass der Anteil der schwereren Verletzungen wuchs.

„So zeigt sich, dass sich der Anteil der Kopfverletzungen an den Unfallverletzungen von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 55 Prozent im März und April 2020 erhöht (+27 Prozent) hat“, berichtet das KFV. Bei Mädchen habe er sich sogar um 47 Prozent erhöht.

Die Verlagerung der Unfälle in die eigenen vier Wände wurde vor allem durch den „Ausfall“ der Unfälle beim Sport und körperlichen Aktivitäten in Freizeit und Schule verursacht, heißt es in der Studie.

„Eine Ausnahme“, so ist weiter zu lesen, „stellen Aktivitäten wie Radfahren, Scooter-Fahren oder Trampolinspringen dar, die weiterhin ausgeübt werden konnten und damit tendenziell und quasi kompensatorisch sogar häufiger stattgefunden haben.“

Kleine „Weltentdecker“ vermehrt gefährdet

Analyse des KFV und des Wiener SMZ Ost zu Behandlungen von Kinderunfällen im Lockdown (Cover; Quelle: KFV)
Analyse des KFV und des Wiener SMZ Ost
zu Behandlungen von Kinderunfällen im Lockdown
(Cover; Quelle: KFV)

„Im Zuge der pandemiebezogenen Regelungen sind besonders bei den Vorschulkindern die Unfälle im Wohnbereich nummerisch in den Vordergrund getreten“, zitiert das KFV Alexander Rokitansky, den Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie am SMZ Ost.

Klein- und Vorschulkinder seien im häuslichen Umfeld als „Weltentdecker“ vermehrt unfallgefährdet, so Rokitansky. Zudem spiele großer Bewegungsdrang eine wesentliche Rolle.

Letzterer habe sich in besonderem Maße aufgestaut, deshalb sei es neben vermehrten Stürzen zu Kopfverletzungen, Verbrennungen und Verschlucken oder Einatmen von Fremdkörpern gekommen.

Ausgangsbeschränkungen als Hemmschwelle für den Spitalsbesuch

Inwieweit haben die Ausgangsbeschränkungen dazu geführt, dass Kinder trotz Verletzung nicht ins Krankenhaus gebracht werden?

Aus Umfragen sei bekannt, dass fast 30 Prozent der Eltern, deren Kinder während des Lockdowns einen Unfall erlitten hatten, ihr Kind unter „normalen“ Umständen in die Ambulanz gebracht hätten, dies aber aufgrund der Covid-19-Maßnahmen nicht getan haben, so die Studie.

Auch die vorliegende Analyse lege den Schluss nahe, dass Eltern ihre Kinder unter normalen Umständen eher ins Spital bringen als während dieser Ausnahmesituation. „Leichtere Verletzungen wurden in der Lockdown-Phase offensichtlich vermehrt in Eigenregie behandelt.“

Kaffeesud, Zahnpasta und Henna

„Nicht in Zahlen fassbar, aber tendenziell auffällig“ waren laut KFV 2020 oft mangelhafte Versuche von Eltern oder anderen Bezugspersonen, Verletzungen der Kinder selbst erstzuversorgen. So seien Kinder vorstellig geworden, deren Wunden mit Kaffeesud, Zahnpasta, Tabak oder Henna zu versorgen versucht wurde.

Aus der Ambulanz des Studienkrankenhauses gebe es zahlreiche Berichte über den Einsatz traditioneller Hausmittel: So sei zum Beispiel Mehl gegen eine Verbrennung angewandt oder Kaffeepulver auf offene Wunden gegeben worden. „Das hat im besten Fall keine Wirkung, meistens wird die Verletzung dadurch aber verschlimmert“, so das KFV.

Prävention und Erste-Hilfe-Know-how

„Für unvorhergesehene Situationen wie eine Pandemie, in denen Menschen stärker auf die selbstständige Erstversorgung angewiesen sein könnten, ist im Bereich der Ersten Hilfe die verstärkte Aus- und Weiterbildung der Bevölkerung empfehlenswert“, sagt KFV-Direktor Othmar Thann.

Gerade unter den Bedingungen einer Ausgangsbeschränkung, während der viel Zeit zu Hause verbracht werden muss, können und sollen Unfälle primär und im Vorhinein verhindert werden, betont das KFV.

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Ausbildung · Gesundheitsreform · Marktforschung
 
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