„Digitalisierung ist nicht disruptiv“

12.10.2018 – Thomas Braune (Munich Re), Arno Schuchter (Generali), Sabine Usaty-Seewald (Uniqa) und Doris Wendler (Städtische) diskutierten beim Versicherungswissenschaftlichen Symposion in Graz über Digitalisierung, Cyberrisiken und Naturkatastrophen. Während im Zusammenhang mit der Digitalisierung oft von Chancen die Rede war, scheint eine Realisierung des „Natkat“-Modells trotz Dringlichkeit weiter auf sich warten zu lassen.

Dass die Digitalisierung das „Kundenerlebnis“ verändert, ist bereits seit ein paar Tagen bekannt. Oft ist in diesem Zusammenhang gar von „Disruption“ die Rede. Soll heißen: Alte Geschäftsmodelle werden hinweggefegt, kein Stein bleibt auf dem anderen.

Thomas Braune, Chief Executive of Life and Health Reinsurance in Europa, Lateinamerika und Nahost, hat hierzu jedoch eine andere Meinung.

„Tolle Chance für uns alle“

Digitalisierung mache es möglich, das Kundenerlebnis zu verbessern. Disruptiv wirke sie aber nicht, sagte er am Donnerstag beim Versicherungswissenschaftlichen Symposion der Gesellschaft für Versicherungsfachwissen in Graz.

Seine Annahme untermauerte Braune mit einem Rückblick auf die Entwicklung der Fintechs. Bei deren Aufkommen vor wenigen Jahren habe noch die Angst bestanden, „dass die uns überrollen“.

Mittlerweile sei ihnen aber bewusst geworden, wie schwierig es sei, Kunden zu gewinnen und eine Marke aufzubauen – und dass es einfacher sei, mit etablierten Versicherern zusammenzuarbeiten. „Das ist für uns alle eine tolle Chance.“

Digitalisierung „mehr Segen als Fluch“

Auch die Generali Versicherung AG betrachte Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als „große Chance“, sagte Vertriebsvorstand Arno Schuchter.

Die jüngere Generation sei es gewohnt, „alles digital“ zu erledigen. „Darauf müssen wir uns einstellen“, und seiner Einschätzung nach haben das die meisten Gesellschaften auch schon getan.

Die andere große Aufgabe bestehe darin, die Vertriebsmitarbeiter zu überzeugen, dass die digitale Welt „mehr Segen als Fluch ist“. An der Notwendigkeit einer persönlichen Beratung auch in Zukunft zweifelt Schuchter ohnedies nicht, sie sei unabdingbar.

Es werde nämlich weiterhin jemanden brauchen, der die (potenziellen) Kunden auf deren Versicherungsbedarf aufmerksam macht; und digitalen Produktverkauf erwartet Schuchter nur für einen Teilbereich der Produktpalette.

Ein gallisches Dorf

Sabine Usaty-Seewald – sie ist im Vorstand der Uniqa Österreich Versicherungen AG für das Ressort „Kunde & Markt“ zuständig – hält den österreichischen Markt für auf eine Weise aufgeteilt, dass es „nicht zu prognostizieren“ sei, dass ihn Anbieter betreten und disruptiv Geschäfte betreiben werden. Österreich sei da „ein kleines gallisches Dorf“.

Im Übrigen seien laut Umfragen jene Kunden die zufriedensten, mit denen gute, qualifizierte Beratungsgespräche geführt werden – und hier sieht Usaty-Seewald für die Digitalisierung eine Rolle als „Enabler“ für gute Kundenbetreuung, engeren Kontakt zum Kunden und Beratungsgespräche mit Mehrwert und „Convenience“-Faktor.

Mit Rucksack, aber ohne Unfallversicherung vor dem Berg

Hinsichtlich einer – mittels Datenanalyse möglichen – verstärkten Segmentierung ist sie skeptisch. „Es braucht auch die Versicherungsgemeinschaft.“

Entsprechende Vorbehalte hat sie gegenüber stark individualisierten Modellen: Die Annahme, dass sich jemand denkt, „ich stehe mit dem Rucksack vor einem Berg und schließe eine Unfallversicherung ab“, hält sie nicht für überzeugend.

Der Moment der Wahrheit komme mit dem Schadenfall, sagt Usaty-Seewald, und da verlange der Kunde laut Marktforschung: „Mach dein Kerngeschäft gut!“ Ob die Schadenerledigung dann in zwei oder in vier Tagen erfolgt, sei zweitrangig.

Wichtiger sei, dass der Kunde bei der Schadenerledigung mitverfolgen kann, was passiert. Es gehe also um Fragen der Transparenz. „Denen müssen wir uns stellen.“

Cyberrisiken noch nicht voll abschätzbar

Auseinandersetzen muss sich die Branche auch, wie Doris Wendler, Vorstandsdirektorin der Wiener Städtische Versicherung AG, sagte, „Risiken, die komplett neu sind“, beispielsweise Cyberbedrohungen. Deren Potenzial lasse sich derzeit noch gar nicht richtig abschätzen.

Hinzu kommt, dass über Cybercrime-Risiken offenbar gerne gedacht wird wie über Berufsunfähigkeit: Das Problem ist zwar bekannt, „nur glauben manche nicht, dass es sie trifft“ – obwohl zwei Drittel der Gewerbekunden beispielsweise unverschlüsselte Datensticks verwendeten, zitierte sie statistische Daten; auch fehle oft ein Schutz durch Firewalls.

Unterschiede zeigten sich je nach Unternehmensgröße. So seien in großen Firmen (IT-)Sicherheitsbeauftragte im Einsatz. In völlige Sicherheit wiegen dürfe man sich deshalb aber trotzdem nicht, so Wendler. Bei kleinen Unternehmen fehle jedoch meist überhaupt das Geld für Vorkehrungen dieser Art.

Wendler zieht aus alldem den Schluss, dass Aufklärungsarbeit nötig ist. Als ein Vehikel dafür nannte sie den Fragebogen, der im Vorfeld eines Cyberversicherungsabschlusses abgearbeitet werden muss, zumal dieser auf Risikofaktoren aufmerksam macht.

Naturkatastrophen lassen Versicherung an Grenzen stoßen

Ein Thema, das ebenfalls „virulent“ werde, allerdings weitaus älter ist, sind Naturkatastrophen. Die Schäden, die die Landwirte gerade heuer erlitten haben, machten die Dringlichkeit deutlich, Lösungen anzubieten, so Wendler.

Dazu sei aber eine gemeinsame Anstrengung nötig, von Versicherungsnehmern, Versicherern, Rückversicherern und Staat.

In dieselbe Richtung argumentierte Braune. Nicht die Schäden häuften sich, sehr wohl aber die Extremereignisse – und das deutlich. „Wir stoßen da an die Grenze dessen, was wir als Versicherungswirtschaft meistern können.“

Appell an den „politischen Willen“

Schuchter fürchtet, dass womöglich erst ein neuerliches Katastrophenereignis vor Augen führen wird, dass eine Lösung des Problems ohne das Zusammenwirken von privater Versicherungswirtschaft und öffentlicher Hand „nicht funktionieren wird“.

Ein Konzept gäbe es ja, erinnerte er daran, dass die Versicherungswirtschaft schon vor Jahren ein Natkat-Modell vorgelegt hat. Aber „Wir können noch so akademische Diskussionen führen – wir werden den politischen Willen erzeugen müssen“, meinte Schuchter.

„Wir werden nicht aufhören, dieses Thema in der Öffentlichkeit anzusprechen“, versicherte Othmar Ederer in seiner Eigenschaft als Präsident des Versicherungsverbandes (VVO).

Hoffnungen auf eine baldige Beschleunigung dämpfte er jedoch: Projekte wie die Zusammenlegung der Krankenkassen oder die Steuerreform nähmen die Politik derzeit stark in Beschlag. „Wir müssen realistisch sein, was zu schaffen ist und was nicht.“

 
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