Erdbeben: Wo es in Österreich am gefährlichsten ist

19.4.2021 – Schon mehrfach hat es in der Geschichte Österreichs verheerende Erdbeben gegeben, alle 75 Jahre muss hierzulande mit schweren Gebäudeschäden gerechnet werden. 98 Prozent der Österreicher sehen Erdbeben aber nicht als relevante Gefahr. Erdbebensicheres Bauen, die Verstärkung von Altbauten und eine Auseinandersetzung mit dem richtigen Verhalten bei Erdbeben sind besonders wichtig, um Schäden möglichst gering zu halten.

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Erdbebengefährdung in Österreich (Grafik: ZAMG)
Erdbebengefährdung in Österreich (Grafik: ZAMG).
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Innerhalb von zwei Wochen – zwischen 2. April, 8:23 Uhr und 16. April, 6:08 Uhr – listet die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf ihrer Website 76 Erdbeben in Österreich auf.

Die meisten von ihnen waren allerdings nicht spürbar, das stärkste hatte eine Magnitude von nur 2,6. Instrumentell registriert werden pro Jahr rund 600 in Österreich lokalisierte Erdbeben, so die ZAMG; von der Bevölkerung wahrgenommen werden von diesen durchschnittlich nur 48.

Dass auch hierzulande stärkere Erdbeben möglich sind, zeigte sich zuletzt am 30. März, als im südlichen Wiener Becken die Erde bebte. Das Beben mit Epizentrum bei Breitenau im Steinfeld hatte laut ZAMG eine Magnitude von 4,6 und war das stärkste in Österreich seit 11. Juli 2000.

Die heftigen Erschütterungen hätten viele Menschen in Angst versetzt, so die ZAMG. Zahlreiche Gegenstände seien umgefallen, Bücher aus Regalen gefallen und Lampen hätten stark gependelt. Auch leichte Schäden an Gebäuden seien gemeldet worden, hauptsächlich Risse im Verputz.

Schwere Schäden in der Vergangenheit

Die Erforschung historischer Erdbeben, also jener, die sich vor 1900 ereigneten, sei nicht allein von geschichtlichem Interesse, so die ZAMG. Die Kenntnis der Epizentren und der aufgetretenen Schäden lasse auf die Stärke der Beben und die dort vorhandene Erdbebengefährdung schließen.

Das früheste bekannte Beben in Österreich habe sich am 4. Mai 1201 im Raum Katschberg ereignet. Das Epizentrum dürfte sich in Kärnten befunden haben, die Epizentralintensität wird mit 9° auf der zwölfteiligen europäischen Makroseismischen Skala (EMS-98) geschätzt.

1590 habe ein schweres Erdbeben in Ried am Riederberg dazu geführt, dass in Wien die Türme der Michaelerkirche und der Schottenkirche teilweise einstürzten. Große Schäden hätten beispielsweise auch ein Beben in Wiener Neustadt im Jahr 1768 und eines in Leoben 1794 verursacht.

Aus jüngerer Zeit erwähnenswert sind ein Erdbeben im Raum Seebenstein im Jahr 1972, das damals laut Kronen Zeitung zu „Millionenschäden“ geführt hat, oder das Erdbeben von 1976 im italienischen Friaul, das 989 Todesopfer forderte und, wie sich der Autor selbst erinnert, auch in Wien stark spürbar war.

Geringes Gefahrenbewusstsein

Dennoch seien die Österreicher unzureichend auf Erdbeben vorbereitet, wie das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) in der Vorwoche feststellte. Eine repräsentative Befragung unter tausend Österreichern habe ergeben, dass 98 Prozent Erdbeben nicht als relevante Gefahr ansehen.

Laut einer Erhebung des KFV sei nur etwa jeder dritte Österreicher auf ein Erdbeben vorbereitet. Eine Auseinandersetzung mit dem richtigen Verhalten bei Erdbeben sei aber auch in Österreich wichtig, insbesondere Bewohner von älteren Häusern sollten sich damit vertraut machen.

Eine Auseinandersetzung mit der Thematik sei aber auch der allgemeinen Bevölkerung dringend zu empfehlen, betont der Leiter des Bereichs Eigentumsschutz im KFV, Armin Kaltenegger. Schließlich würden sich viele Österreicher im Urlaub in Erdbebenzonen aufhalten.

Typische Erdbebengebiete in Österreich

Alle zwei bis drei Jahre müsse in Österreich mit leichten Gebäudeschäden durch ein stärkeres Erdbeben gerechnet werden, so die ZAMG. Schwere Schäden an Gebäuden würden bedeutend seltener vorkommen, die durchschnittliche Wiederkehrperiode liege bei etwa 75 Jahren.

Die meisten fühlbaren Erdbeben hätten sich in den vergangenen 21 Jahren in Tirol ereignet (286), gefolgt von Niederösterreich (181), der Steiermark (129), Kärnten (118) und Vorarlberg (80). Während es in Wien kein Erdbeben gab, waren 128 ausländische Beben in Österreich spürbar.

Grundsätzlich könnten in Österreich aber fast überall Erdbeben vorkommen. Grund sei die Bewegung tektonischer Platten; wenn sich Spannungen im Untergrund ruckartig lösen, entstehen Erdbeben. In Europa drifte die Adriatische Platte nach Norden und treffe hier auf die Eurasische Platte.

Zu den bedeutendsten tektonisch aktiven Zonen in Österreich, in denen sich die meisten Erdbeben ereignen, zählen laut ZAMG das Rheintal in Vorarlberg, das Inntal und seine Seitentäler in Tirol, das Mur- und Mürztal in der Steiermark sowie in Niederösterreich das Semmeringgebiet und das Wiener Becken.

Erdbebensicheres Bauen

Entscheidend für erdbebengerechtes Bauen ist die Erdbebengefährdung jenes Gebietes, in dem die Errichtung geplant ist. Dabei handelt es sich um die Wahrscheinlichkeit des Überschreitens einer durch ein Erdbeben hervorgerufenen Bodenbeschleunigung innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums.

Eurocode-8, das Normenwerk für erdbebengerechtes Bauen in Europa, schreibt dafür eine Nichtüberschreitungswahrscheinlichkeit von 90 Prozent in einem Zeitraum von 50 Jahren vor.

Um bei der Planung von neuen Gebäuden entsprechende Vorkehrungen treffen zu können, werden für das Bundesgebiet fünf Gefährdungsstufen definiert, in denen mit unterschiedlicher, durch ein Erdbeben hervorgerufener Bodenbeschleunigung zu rechnen ist.

Besondere Vorsicht bei Neubauten

In den laut Erdbebengefährdungskarte zur Zone vier zählenden Regionen Wiener Neustadt, Scheibbs, Kindberg, Katschberg, Nassfeld und Innsbruck könnten die Bodenbeschleunigungen 1 m/s² überschreiten; dort sei laut ZAMG besondere Vorsicht bei der Ausführung von Gebäuden geboten.

Die Gefährdungskarte gelte nur für „normale“ Gebäude, nicht aber beispielsweise für Wolkenkratzer, Kraftwerke, Gefahrengutlager, Brücken oder bei ausgefallenen architektonischen Grundrissen, betont Anton Vogelmann von der Abteilung Geophysik der ZAMG.

Das KFV weist allerdings darauf hin, dass viele Bauwerke in Österreich in einer Zeit errichtet worden sind, in der es noch keine Vorgaben für erdbebensicheres Bauen gegeben hat. Fast jedes vierte Gebäude – exakt 23 Prozent – sei hierzulande eher gefährdet, im Fall von Erdbeben Schäden zu erleiden.

Für die ZAMG sind deshalb erdbebensicheres, normgerechtes Bauen sowie eine entsprechende Bauwerksverstärkung von Altbauten besonders wichtig, um Schäden durch Erdbeben zu verringern.

Weiterführende Informationen

Die ZAMG bietet auf ihrer Website im Bereich Geophysik umfangreiche Informationen über Erdbeben. Über aktuelle Erdbeben informiert auch die für Android und Apple sowie in einer Browserversion erhältliche App „Quakewatch Austria“ der ZAMG.

Neben Informationen über Erdbeben bietet das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus mit „Hora“ (Natural Hazard Overview & Risk Assessment Austria) auch Daten über andere Naturgefahren wie Hochwasser, Stürme, Blitzgefahr, Schneelasten sowie Wetterwarnungen.

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