FMA: Rasanter digitaler Wandel bei Versicherern & Co.

21.12.2021 – Ein schnelles Voranschreiten attestiert die FMA der Digitalisierung im heimischen Finanzmarkt. Dem neu erschienenen Bericht zufolge hat die Cloud-Nutzung deutlich zugelegt, ebenso der Grad der Automatisierung. Technologien wie Dunkelverarbeitung und Big-Data-Analyse sind bei einigen Versicherern bereits im Einsatz, bei einigen ist er geplant. Der Absatz über Vergleichs- bzw. Vertriebsplattformen könnte in den nächsten Jahren zunehmen, meint die FMA.

„Der digitale Wandel schreitet auf dem österreichischen Finanzmarkt rasant voran.“ Das stellte die Finanzmarktaufsicht (FMA) am Montag anlässlich der Veröffentlichung ihrer Analyse „Digitalisierung am österreichischen Finanzmarkt“ fest, die an die Vorgängerstudie von 2018 anschließt (VersicherungsJournal 11.7.2019, 17.7.2019).

Nahezu alle untersuchten Unternehmen des Finanzmarltes – darunter Versicherer, Banken, Pensionskassen, Wertpapierfirmen und andere – haben Digitalisierung laut FMA in ihre Strategie integriert.

Der Grad der Vernetzung mit externen Dienstleistern steige im gesamten Finanzsektor. IT-Risiken würden dadurch „zunehmend auch an die Schnittstelle zu Dritten verlagert“.

Gleichzeitig habe sich die Qualität der eigenen IT-Sicherheitsmaßnahmen der Finanzdienstleister „signifikant verbessert“, insbesondere bei Cyber- und Cloud-Sicherheit.

Deutlich mehr Cloud, deutlich mehr Automatisierung

Besonders stark intensiviert habe sich in den vergangenen Jahren die Nutzung von Cloud-Dienstleistungen. Solche seien bereits bei rund drei Vierteln aller beaufsichtigten Unternehmen im Einsatz. 2018 war das nur für 60 Prozent in absehbarer Zeit vorstellbar gewesen.

Auch die Nutzung von „Robotic Process Automation“ sei signifikant gestiegen. Gemeint ist damit Software, die etwa durch die vordefinierte Ausführung von Tastatureingaben und Mausbewegungen sich wiederholende Tätigkeiten in Softwareanwendungen durchführen kann.

Insbesondere bei Banken sei diese Form der Automatisierung mit einer Nutzerquote von 60 Prozent schon weit verbreitet. Von den Versicherern macht ein gutes Drittel davon Gebrauch.

Beim „Machine Learning“, also selbstlernenden Programmen, liegen die Versicherer mit an die 40 Prozent Anteil vorne, gefolgt von den Banken, wo etwa 30 Prozent diese Technologie nutzen.

Automatisierte Datenschnittstellen bei zwei von drei Versicherern

Standardisierte Schnittstellen für den automatischen digitalen Datenaustausch („APIs“) setzen laut der Analyse zwei Drittel der Versicherer ein, ein weiteres Zehntel hat dies in Planung.

Was den Einsatz von IT-Applikationen angeht, die für das Kerngeschäft kritisch sind, gehe der Trend im Finanzmarkt in Richtung konsolidierter, durch Updates möglichst lang einsetzbarer, Standardsoftware.

Langfristig könne es dadurch zu geringerer Anbietervielfalt und einer Konzentration auf einige wenige große Softwareentwickler kommen.

IT: teils sehr alt, aber kein systemisches Problem ersichtlich

In den meisten Sektoren des Finanzmarktes werden IT-Anwendungen teilweise über Jahrzehnte hinweg genutzt, stellt die FMA in ihrem Bericht fest. Bei Versicherern seien rund 34 Prozent der Applikationen seit 16 bis 25 Jahren im Einsatz, 11 Prozent noch länger.

FMA-Analyse zur Digitalisierung im Finanzmarkt (Cover; Quelle: FMA)
Die am Montag publizierte Analyse der FMA zur
Digitalisierung im österreichischen Finanzmarkt
(Cover; Quelle: FMA)

Der Lebenszyklus-Status kritischer Applikationen dürfe aber nicht auf das reine Alter der eingesetzten Systeme reduziert werden. Deshalb wurde auch die „Ablöseplanung“ ermittelt. Im Versicherungssektor zeigte sich, dass 81 Prozent keine Ablösung innerhalb der nächsten drei Jahre planen.

Hier entspreche die Anzahl der in den letzten drei Jahren neu eingeführten Anwendungen grob den geplanten Erneuerungen in den nächsten drei Jahren. Für die FMA ist das „ein Indikator für eine insgesamt relativ stabile IT-Landschaft“.

Im Finanzmarkt insgesamt sei bei rund 89 Prozent der kritischen Applikationen „explizit kein Ende des Supports absehbar“. Starke Abweichungen zwischen den Finanzmarktsektoren gebe es in diesem Punkt nicht.

Fazit der FMA: „Die Ablöseplanung und die Quote an Software, die aufgrund ihres EoL-Status (EoL: „End of Life“ = Ende des Supports; Anm. d. Red.) als obsolet betrachtet werden kann, liefern keine Anzeichen auf ein systemisches Problem des Finanzsektors.“

Produkte und Dienstleistungen

„Auch viele Produkte und Dienstleistungen der Finanzwirtschaft werden Schritt für Schritt an die neuen digitalen Möglichkeiten angepasst“, konstatiert die FMA.

Hier stehe nach wie vor mehr im Vordergrund, herkömmliche Produkte und Dienstleistungen auf die neuen Technologien umzustellen – und weniger, neue und kreative digitale Produkte zu schaffen.

Unter den Technologien, die Versicherer in diesem Zusammenhang am häufigsten nutzen oder künftig nutzen wollen, kommt die Dunkelverarbeitung mit 85 Prozent auf einen besonders hohen Anteil. Bereits genutzt werde sie vorwiegend in den Segmenten Kfz- und Haushalts- (jeweils 15 Versicherer) sowie Rechtsschutz- und Krankenversicherung.

Eine weitere von Versicherern oft angeführte genutzte oder ins Auge gefasste Technologie sind Big-Data-Analysen (55 Prozent). Und: „Auch verhaltensbasierte Tarife (42 Prozent) sowie situative Versicherungen (30 Prozent) werden von Versicherungsunternehmen angeboten oder befinden sich in Planung.“

Vertrieb und Kundenkontakt

Sehr schnell schreite die Digitalisierung des Finanzmarkts in den Bereichen Vertrieb und Kundenkontakt voran: Zunehmend seien digitale Kanäle wie Social Media, Chats oder Videokommunikation vorzufinden, insbesondere im „Pre-Sales“-Bereich.

„Konventionelle Wege des Vertriebs verlieren durch den Einsatz von digitalen Vertriebsplattformen, Vergleichsportalen und Robo Advice zunehmend an Bedeutung.“

Wenngleich der Anteil des Absatzes über Vergleichs- bzw. Vertriebsplattformen meist niedrig sein, „kann jedoch in den nächsten Jahren ein weiteres Wachstum erwartet werden“, meint die FMA.

Stellungnahmen erwünscht

Die FMA betrachtet die Analyse nicht zuletzt auch als „Grundlage für eine weitere Diskussion“ zum digitalen Wandel im österreichischen Finanzmarkt.

Wer dazu eine Stellungnahme abgeben möchte, kann dies bis 28. Februar 2022 mittels formloser E-Mail-Zusendung an die FMA tun.

Zum Herunterladen

Die 123 Seiten umfassende Analyse „Digitalisierung am österreichischen Finanzmarkt 2021“ kann von einer Webseite der FMA als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Digitalisierung · Pensionskasse · Rechtsschutz · Social Media · Strategie · Versicherungsaufsicht
 
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