„Global Risks Report“ zeichnet düsteres Bild

17.1.2019 – Die Risikoeinschätzungen für 2019 stimmen wenig hoffnungsvoll. Für den Bericht des Weltwirtschaftsforums, an dem Zurich und Marsh & McLennan mitgewirkt haben, wurden rund 1.000 Experten und Entscheidungsträger befragt. (Bild: WEF)

„Ermutigende Signale deuten darauf hin, dass wir die schlimmste Finanzkrise der Nachkriegszeit hinter uns gelassen haben.“ Historisch gesehen, habe der Lebensstandard global das bislang höchste Niveau erreicht.

So war es vor einem Jahr im Vorwort des „Global Risks Report 2018“ des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) zu lesen (VersicherungsJournal 18.1.2018).

Die Tonalität, in der WEF-Präsident Borge Brende die am Mittwoch veröffentlichte 14. Ausgabe, den „Global Risks Report 2019“, einleitet, ist eine andere.

„Schlafwandelnd“ in die Krise?

Die Welt sei mit einer wachsenden Zahl komplexer und wechselseitig verknüpfter Herausforderungen konfrontiert, schreibt Brende.

Darunter seien ein sich verlangsamendes Wirtschaftswachstum, anhaltende wirtschaftliche Ungleichheit, Klimawandel, geopolitische Spannungen und die Beschleunigung der „vierten industriellen Revolution“.

In vielen Ländern wachse die Polarisierung, in manchen Fällen sieht Brende auch die „Gesellschaftsverträge“, die Gesellschaften zusammenhalten, unter Druck.

So stellt der Bericht, der wieder unter Mitwirkung des Risikomanagement-Dienstleisters Marsh & McLennan Companies, der Zurich Insurance Group und wissenschaftlicher Berater entstanden ist, die Frage in den Raum: „Geht die Welt schlafwandelnd in eine Krise?“ Die globalen Risiken nähmen zu, am kollektiven Willen, sie zu bewältigen, fehle es aber offenbar.

Ein Jahr mit zunehmender Konfrontationsgefahr

Der neue Global Risks Report des Weltwirtschaftsforums
Der neue Global Risks Report
des Weltwirtschaftsforums

Laut WEF erwarten 91 Prozent von rund 1.000 Experten und Entscheidungsträgern, die für den Bericht befragt wurden, für 2019 weitere wirtschaftliche Konfrontationen zwischen den Großmächten; 85 Prozent gehen von einem erhöhten Risiko für politische Konfrontationen zwischen diesen aus – wobei die beiden Entwicklungen freilich miteinander zusammenhängen.

Besonders hoch (je vier Fünftel) ist auch der Anteil jener, die 2019 das Risiko für Daten, Geld und Infrastruktur in Folge von Cyberangriffen im Steigen sehen.

„Sich schnell verändernde Cyberbedrohungen und technologische Risiken sind die wichtigsten potenziellen blinden Flecken; wir sind uns immer noch nicht vollständig der Anfälligkeit vernetzter Gesellschaften bewusst“, so das WEF.

Und knapp drei Viertel der Befragten glauben, dass ein Verlust des Vertrauens in Sicherheitsbündnisse ebenso wahrscheinlicher wird wie das Risiko einer „populistischen Agenda“.

Umweltsorgen dominieren

Von insgesamt 30 Risiken führen dennoch, wie schon 2018, „extreme Wetterereignisse“ die Liste der Risiken an, denen die größte Eintrittswahrscheinlichkeit zugerechnet wird. Von Platz fünf auf zwei vorgerückt ist ein Scheitern der Bemühungen zur Bewältigung des Klimawandels.

Ein zweites Ranking sortiert die Risiken nach der Schwere ihrer Auswirkungen. Hier hat sich an vorderster Stelle ebenfalls nichts geändert: Massenvernichtungswaffen werden weiterhin als die schwerwiegendste Gefahr eingestuft. Weiter vorne als bisher, nämlich auf Platz zwei, liegt jedoch auch in dieser Tabelle die Klimapolitik.

„Die Umweltschädigung ist das langfristige Risiko, das unser Zeitalter kennzeichnet“, kommentiert das WEF. „Vier der fünf Risiken mit dem größten Einfluss stehen 2019 im Zusammenhang mit dem Klima.“ Bei den Risiken mit der größten Wahrscheinlichkeit sind es immerhin drei.

Für beide Rankings gilt, dass sich 2019 dieselben Risiken unter den Top-fünf befinden wie 2018, nur teilweise auf anderen Rängen.

„Global Risks Report 2019“: Die fünf größten Risiken …

#

… nach Wahrscheinlichkeit

… nach Wirkung

2019

2018

2019

2018

1.

Extreme Wetterereignisse

Extreme Wetterereignisse

Massenver-nichtungswaffen

Massenver-nichtungswaffen

2.

Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungs-maßnahmen

Große Naturkatastrophen

Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungs-maßnahmen

Extreme Wetterereignisse

3.

Große Naturkatastrophen

Groß angelegte Cyberangriffe

Extreme Wetterereignisse

Große Naturkatastrophen

4.

Schwerwiegende Fälle von Datenbetrug/
-diebstahl

Schwerwiegende Fälle von Datenbetrug/
-diebstahl

Wasserknappheit

Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungs-maßnahmen

5.

Groß angelegte Cyberangriffe

Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungs-maßnahmen

Große Naturkatastrophen

Wasserknappheit

Zürich-Martin: Strategie für Klimawiderstandsfähigkeit umsetzen

Alison Martin, Group Chief Risk Officer der Zurich Insurance Group, wundert es nicht, dass Sorgen um die Umwelt so prominent platziert sind: 2018 habe man „historische Waldbrände, andauernde Überschwemmungen und einen Anstieg der Treibhausgasemissionen“ verzeichnen müssen.

Sie führt auch eine „zunehmende Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns der Umweltpolitik oder der nicht rechtzeitigen Umsetzung politischer Maßnahmen“ ins Treffen.

Um sich auf neue Umweltbedingungen einzustellen und zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft überzugehen, sei eine „signifikant höhere Investition in Infrastruktur“ nötig. „Bis 2040 beläuft sich die Investitionslücke in Bezug auf die globale Infrastruktur auf voraussichtlich 18 Billionen US-Dollar (15,8 Billionen Euro; Anm.) gegenüber den prognostizierten 97 Billionen US-Dollar (85 Billionen Euro; Anm.), die erforderlich wären.“

Vor diesem Hintergrund, so Martin, „empfehlen wir Unternehmen dringend, eine Anpassungsstrategie für ihre Klimawiderstandsfähigkeit zu erarbeiten und sie möglichst rasch umzusetzen“.

Anreize für öffentlich-rechtliche Partnerschaften schaffen

Die Unterfinanzierung kritischer Infrastrukturen behindere den wirtschaftlichen Fortschritt, meint John Drzik, President of Global Risk and Digital bei Marsh. „Dadurch sind Unternehmen und Kommunen anfälliger für Cyberangriffe und Naturkatastrophen, und technische Innovationen können nicht in vollem Umfang genutzt werden.“

Er hält die Zuweisung von Mitteln für Infrastrukturinvestitionen, zum Teil durch neue Anreize für öffentlich-private Partnerschaften, für entscheidend „für den Aufbau und die Stärkung der physischen Grundlagen und digitalen Netze, die es der Gesellschaft ermöglichen werden, zu wachsen und zu gedeihen“.

Verschärfung durch Kombination von Risiken

Der Bericht geht auch auf die Folgen von Umweltrisiken für Städte und Küstenregionen ein. Mit steigendem Meeresspiegel stünden vielen Städten enorme Kosten bevor, warnt das WEF und thematisiert in diesem Zusammenhang beispielhaft sauberes Grundwasser und Supersturm-Barrieren.

Wenn nicht ausreichend in kritische Infrastrukturbereiche wie Transport investiert werde, könne es zu „systemweiten Zusammenbrüchen“ kommen. „Zudem könnten sich damit zusammenhängende Risiken in Bezug auf Gesellschaft, Umwelt und Gesundheit verschärfen.“

Es ist denn auch das Zusammenspiel von Risiken – wie dem Klimawandel einerseits und der stockenden Reaktion darauf andererseits –, die die Problematik verstärken. Die Kombination aus extremen Wetterereignisse und einem Scheitern der Umweltpolitik steht überhaupt an erster Stelle einer Liste der „wichtigsten Risikozusammenhänge“, siehe unten.

„Global Risks Report 2019“: Die fünf wichtigsten Risikozusammenhänge

#

Risikozusammenhänge

1.

Extreme Wetterereignisse und Scheitern der Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen

2.

Groß angelegte Cyberangriffe und Zusammenbruch kritischer Informationsinfrastrukturen und -netzwerke

3.

Hohe strukturelle Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung und negative Folgen des technischen Fortschritts

4.

Hohe strukturelle Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung und tiefe soziale Instabilität

5.

Massive Fälle von Datenbetrug/-diebstahl und groß angelegte Cyberangriffe

5.

Scheitern der regionalen oder globalen Governance und zwischenstaatliche Konflikte mit regionalen Folgen

„Future Shocks“ – zehn Hypothesen

Ein eigenes Kapitel über „zukünftige Erschütterungen“ soll dem Umstand Rechnung tragen, „dass die zunehmende Komplexität und Verknüpfung globaler Systeme Rückkopplungsschleifen, Schwelleneffekte und kaskadierende Störungen verursachen können“.

Darin werden zehn „Was wäre, wenn“-Fragen aufgeworfen – die aber nicht als Vorhersage verstanden werden, sondern zum Nachdenken anregen und daran erinnern sollen, „wie notwendig es ist, Risiken kreativ zu betrachten und das Unerwartete zu erwarten“.

Angesprochen werden hier unter anderem der Einsatz von Wettermanipulation zur Verschärfung geopolitischer Spannungen, die Gefahr, zu der Weltraumschrott – ungewollt oder gewollt – werden kann, und sogar der mögliche Niedergang der Menschenrechte.

Zum Herunterladen

Der „Global Risks Report 2019“ kann von einer gesonderten Webseite des WEF als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Elementarschaden · Gesundheitsreform · Ranking · Strategie · Unwetter
 
WERBUNG
Die Alternative zum Premium-Abonnement

Möchten Sie Artikel ohne Registrierung abrufen, so können Sie jeden Text über GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH einzeln für einen geringen Stückpreis erhalten. Direkt auf diesen Artikel bei Genios gelangen Sie hier.

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
18.12.2018 – Im ersten Teil unseres Jahresrückblicks lassen wir das erste Drittel des Versicherungsjahres 2018 Revue passieren. mehr ...
 
5.6.2018 – Mit oder ohne Versicherung, mit oder ohne Assistance auf Reisen, und für welche Risiken wird vorgesorgt? Eine Umfrage unter rund 1.000 Personen ist dem nachgegangen. mehr ...
WERBUNG