Ich bin für mich selbst verantwortlich

23.7.2026 – Individualismus pur? Das geht sich so nicht aus, denn wir hängen alle voneinander ab, meint Versicherungsmathematiker Christoph Krischanitz.

Christoph Krischanitz (Bild: Krischanitz)
Der Autor: Versicherungsmathematiker
Christoph Krischanitz (Bild: Krischanitz)

Meine Entscheidungen gehen niemand etwas an. Ich kann für mich selbst sorgen.

So etwas sagt sich leicht in einem Land wie Österreich. Wo es ausgebaute Straßen gibt, ein Bildungssystem für alle, hervorragende Gesundheitsleistungen, öffentlichen Verkehr, öffentliche Sicherheit, ausreichend Wasser und Nahrungsmittel.

Wo ein Versorgungssystem da ist, das einem hilft, wenn man arbeitslos wird, wenn man krank wird oder in Pension geht.

Und das alles steht einem selbstverständlich zu, denn dafür zahlen wir ja Steuern und Sozialversicherung.

Individualismus pur

So denken viele in Österreich. Das sagen ja auch die Medien, vor allem die reichweitenstärksten, wie zum Beispiel Ö3.

Da geht es um Kinderkriegen, ums Auswandern, um Reisen in riskante Länder oder einfach darum, wen man zur Hochzeit einlädt.

Und bei all diesen Fragen an das ganze Land sagt die Mehrheit: Schau auf dich, es ist dein Leben, du hast nur das eine. Individualismus pur.

Keine gesellschaftliche Verantwortung, reiner Egoismus.

Wir sind voneinander abhängig

Dabei sind wir alle tief voneinander abhängig.

Wenn man 30 Jahre alt ist, eine akademische Ausbildung hat und seit dem 24. Lebensjahr einen halbwegs gut bezahlten Job, sagen wir mit 4.000 Euro brutto, dann hat man in den sechs Jahren sehr vereinfacht zirka die Hälfte für Lohnsteuer, Sozialversicherung und Umsatzsteuer gezahlt, also monatlich 2.000 mal 12 mal 6. Das sind 144.000. Zurückgerechnet auf das Lebensalter sind das 4.800 im Jahr oder 400 im Monat.

Als 30-Jähriger hat man also um 400 pro Monat alles zur Verfügung gestellt bekommen, was es ermöglicht hat, dass die Eltern die Erziehung übernehmen können, dass Kindergärtnernde und Lehrende die Ausbildung bis zu den höchsten akademischen Ehren begleiten können, dass bei Krankheiten immer Ärzte zur Verfügung standen, dass Verkehrswege bereitet waren und damit hat man zusätzlich auch schon Anspruch auf Abfertigung neu, Pension und Arbeitslosengeld erworben.

Österreich, du Schlaraffenland.

Wie geht sich das aus?

Wie kann sich das alles ausgehen? Diese Frage sollte sich nicht nur der Finanzminister stellen, der im Moment daran verzweifelt, sondern alle, die von unserem Sozialwesen profitieren. Also wir.

Klar ist, dass durch die verkehrte Bevölkerungspyramide die Situation in der Zukunft nicht besser, sondern schlechter wird. Wenn niemand mehr Kinder bekommen will, wird es auch niemanden geben können, der Pensionen bezahlt. Individuelle Familienplanung hat dadurch gesellschaftliche Auswirkung.

Man wird also auch darüber nachdenken müssen, ob diejenigen die sich für Kinder entscheiden und damit das zukünftige Sozialsystem am Leben erhalten, dadurch in der Rentenphase nicht belohnt werden können. Immerhin geben Großeltern das meiste Geld eh wieder für ihre Enkerln aus, sodass die Gesellschaft auch bei Erziehung und Ausbildung entlastet wird.

Weniger werdende Einzahler, mehr werdende Bezieher

Als Versicherungsmathematiker ist man gewohnt, im Kollektiv zu denken, in dem jeder für jede finanziell einsteht und umgekehrt. Nur leider wird das einzahlende Kollektiv immer kleiner und das zu bezahlende Kollektiv immer größer.

Dass so etwas nur funktionieren kann, wenn die Auszahlungsbeträge entsprechend sinken, lernt man in der Volksschule. Das kann also jeder. Und trotzdem fühlt sich die Politik damit überfordert.

Und die Trittbrettfahrer werden angefeuert von Ö3. Unter Trittbrettfahrern versteht man in der Spieltheorie die Personen (ja, auch die weiblichen), die versuchen, das System auszunutzen.

Gleichzeitig weiß man aus der Spieltheorie, dass es für eine Gesellschaft gar nicht optimal ist, wenn jedes Mitglied der Gesellschaft seine persönliche Situation optimiert. Quasi Gefangenendilemma, in dem wir stecken. Da hilft nur ein gemeinschaftlicher Ansatz und Gespräche, auch mit Ö3.

Schnäppchen

Obige Rechnung käme für eine 60-jährige Person (wenn wir nun davon ausgehen, dass die 4.000 der monatliche Durchschnittslohn über die gesamte Karriere ist, was realistisch ist) auf einen Beitrag an den Staat von 1.200 Euro pro Monat seit Geburt.

Für die staatlichen Serviceleistungen, die man monatlich bekommt, ein Schnäppchen. Dass daraus noch ein Pensionsanspruch resultiert, grenzt an ein Wunder.

Aber wir haben ja noch die Arbeitgeberbeiträge vergessen. Von wem werden die eigentlich bezahlt? Ach ja, von all den anderen, die bei dem Arbeitgeber einkaufen …

Christoph Krischanitz

Der Autor ist Versicherungsmathematiker (profi-aktuar.at) und verfügt über langjährige Erfahrung in der aktuariellen Beratung. Krischanitz war von 2004 bis 2019 Vorsitzender des Mathematisch-Statistischen Komitees im Versicherungsverband (VVO), von 2008 bis 2014 Präsident der Aktuarvereinigung Österreichs (AVÖ). Derzeit ist er unter anderem Chairman der Arbeitsgruppe Non-Life Insurance in der Actuarial Association of Europe (AAE).

Schlagwörter zu diesem Artikel
Aktuar · Arbeitslosenversicherung · Ausbildung · Gesundheitsreform · Pension  · Sozialversicherung · Steuern
 
Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu! Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.at.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.at.

Täglich bestens informiert!

Der VersicherungsJournal Newsletter informiert Sie von montags - freitags über alle wichtigen Themen der Branche.

Ihre Vorteile

  • Alle Artikel stammen aus unserer unabhängigen Redaktion
  • Die neuesten Stellenangebote
  • Interessante Leserbriefe

Jetzt kostenlos anmelden!

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.at
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
26.3.2015 – Die Absetzbarkeit von „Topf-Sonderausgaben“ wird nach den Plänen der Regierung auslaufen. Das betrifft auch Versicherungen. Von A wie Allianz bis Z wie Zürich: Was die Assekuranzen dazu sagen. mehr ...
 
2.10.2013 – Einen Appell an die künftige Bundesregierung hat Versicherungsmathematiker und Arithmetica-Geschäftsführer Christoph Krischanitz in Sachen Pensionssystem formuliert. mehr ...