Niedrigzins trifft auf zusätzliche Risiken

26.6.2018 – Das Niedrigzinsumfeld bleibt das Hauptrisiko für Europas Versicherer. Hinzu kommen Unsicherheiten etwa durch die Brexit-Verhandlungen und zunehmenden Protektionismus. An Bedeutung nehmen Klimawandel und technologische Entwicklungen zu, Versicherer sind hier in mehrfacher Hinsicht betroffen. Dieses Bild zeichnet die EU-Versicherungsaufsicht Eiopa in einem neuen Bericht. Dem Versicherungssektor attestiert sie für 2017 robuste Ergebnisse.

Die gute Nachricht zuerst: Die Wirtschaft im Euroland bleibe trotz äußerer und innerer Unsicherheiten auf einem Pfad der Erholung.

Das stellt die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht für den Europäischen Wirtschaftsraum fest.

Niedrigzins und andere Unsicherheiten

Als Hauptrisiko für den Versicherungs- und Pensionsfonds-Sektor identifiziert das am Montag veröffentlichte Dokument aber nach wie vor das Niedrigzinsumfeld, gepaart mit „großen Unsicherheiten“.

Zu den letzteren zählt die Eiopa etwa die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, global zunehmende Tendenzen in Richtung Protektionismus sowie „verschiedene Wahlen in Europa“.

Darüber hinaus sieht die europäische Versicherungsaufsicht „neue Arten von Risiken“ am Horizont heraufziehen – wobei diese Entwicklungen ganz so neu nicht mehr sind.

Steigende Bedeutung des Klimawandels

Das betrifft zum Beispiel den Klimawandel: Nicht nur die Heftigkeit, sondern auch die Häufigkeit von Naturkatastrophen nehme zu.

Damit zusammenhängende Risiken stellten für die Versicherungsindustrie eine besondere Bedrohung dar, zumal Versicherer in diesem Bereich sowohl als Investoren als auch als Risikoträger aufträten.

Auf der anderen Seite ergäben sich auch Geschäftsmöglichkeiten, weil der Bedarf an Absicherung steige und technologischer Fortschritt zu Verbesserungen in der Risikomodellierung und besserer Datenqualität für die Risikobeurteilung führe.

Diverse Initiativen auf europäischer und globaler Ebene, den Finanzsektor „grüner“ zu machen, „sollten den Trend hin zu nachhaltiger Versicherung weiter stimulieren“.

Doppelt vom technologischen Wandel betroffen

Der neue Finanzstabilitätsbericht der Eiopa (Cover; Quelle: Eiopa)
Der neue Finanzstabilitätsbericht der Eiopa
(Cover; Quelle: Eiopa)

Auch „rapide technologische Entwicklungen“ führt die Behörde als eines der wichtiger werdenden Risiken an. Und auch hier sind Versicherer in mehr als einer Hinsicht betroffen.

Zum einen findet sich die Versicherungsindustrie selbst in der Position eines Bedrohten wieder: Die digitale Transformation mache Versicherer in wachsendem Ausmaß anfällig für Cyberangriffe – verbunden mit einem „signifikanten“ Risiko sowohl für den Betrieb als auch für die Reputation.

Das Cyberrisiko werde mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Aufsicht erfordern, stellt die Eiopa. Sie verweist dabei auf den kürzlich gestarteten EU-weiten Stresstest: In dessen Rahmen geht es erstmals auch um ebensolche Risiken (VersicherungsJournal 15.5.2018).

Veränderungen durch Insurtechs

Zum anderen biete das Aufkommen von Insurtechs Chancen für Versicherer und neu in den Markt eintretende Akteure. Positiv könnten sich hier beispielsweise verbesserte Kundeninteraktion und Risikomodellierung oder auch effizientere Schadenabwicklung auswirken.

Mit der Zeit, so der Bericht, könnte dies in einen fragmentierteren Versicherungssektor münden, in dem spezialisierte Player zunehmend einen Teil in der Wertschöpfungskette der Versicherung übernehmen.

Letzten Endes, meint die Eiopa, könnte ein „diversifizierterer Versicherungssektor“ die Finanzstabilität stärken. Allerdings sei hierfür eine genaue Kontrolle nötig, um einen geordneten Übergangsprozess, ohne Unterbrechung zentraler Versicherungs-Dienstleistungen, zu gewährleisten.

2017 robuste Ergebnisse, positive Profitabilität

In Summe habe der europäische Versicherungssektor 2017 „robuste Ergebnisse“ gezeigt. Im Schnitt seien die Versicherungsunternehmen ausreichend kapitalisiert „und liefern positive Profitabilität“, trotz des Niedrigzinsumfelds.

Das Solvenzkapitalerfordernis betrage im Median 223 Prozent für den Lebensversicherungs- und 207 Prozent für den Nichtlebensversicherungs-Sektor. Es bestünden in diesem Punkt aber weiterhin beträchtliche Ungleichheiten zwischen einzelnen Unternehmen und Ländern.

Rückversicherung nach hohen Katastrophenschäden 2017

Die Rückversicherungs-Industrie dürfte nach Einschätzung der Eiopa über eine ausreichende Kapitalbasis verfügen, um die Verluste in Folge von Katastrophenereignissen zu absorbieren.

Diese seien 2017 bedeutend höher als im langfristigen Schnitt gewesen (VersicherungsJournal 11.4.2018), hebt die Behörde hervor.

Welche Auswirkungen die hohen versicherten Schäden auf die künftigen Preise im Rückversicherungs-Sektor haben, „ist noch ungewiss“.

Zum Herunterladen

Der „Financial Stability Report Juni 2018“ steht auf einer gesonderten Website der Eiopa in englischer Sprache zum Herunterladen bereit.

 
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