Pandemien – und andere als gering eingestufte Risiken

5.6.2020 – Vor Corona galt das Risiko einer Pandemie nicht als besonders groß, stellt Risikoberater Funk nach einer Auswertung von fünf Studien aus der Zeit vor Sars-CoV-2 fest. Er plädiert für ein „Umdenken“ und zählt einige weitere, potenziell unterschätzte Gefahren auf.

Im Laufe der Zeit geben verschiedene Institutionen verschiedene Studien heraus, in denen sie sich mit verschiedenen Aspekten rund um wirtschaftliche und unternehmerische Risiken auseinandersetzen. Oftmals enthalten sie Risikoeinschätzungen und -rankings.

Die Resultate einzelner Studien seien jedoch „mit Vorsicht zu genießen“, weil diese jeweils durch die Art der Fragestellung und Auswertung tendenziell beeinflusst werden könnten, meint man bei Funk. „Ein ‚Studien-Bias‘ ist auch in solchen Fällen nicht auszuschließen.“

Fünf Studien ausgewertet

Um diesen „bestmöglich zu eliminieren“, hat der Risikoberater und Versicherungsmakler deshalb eine Art „Meta“-Analyse vorgenommen. Ergebnis ist der „Funk Global Risk Consensus“. Für diesen habe man „fünf jährlich wiederkehrende Studien und Risikoreports konsolidiert und ausgewertet“.

Die Methodik erklärt Funk so: Ist ein Risiko bei einer Studie auf Platz eins, wird es mit 10 Punkten bewertet; ist es auf Platz 10, mit einem Punkt. Danach werden die Punkte der Risiken von allen Studien zusammengezählt.

„Dadurch entsteht eine neutrale Rangliste im Funk Global Risk Consensus, da so nur Risiken, die in mehreren Studien auf den vorderen Plätzen genannt werden, es auch im Funk Global Risk Consensus auf die vorderen Plätze schaffen.“

Cyberrisiken und Regulierung vorne

Ergebnis: Die ersten beiden Plätze für 2020 nehmen Cyberrisiken und Änderungen im Zusammenhang mit Regulierungen ein. „Diese wurden in den Studien am häufigsten gelistet und als besonders kritisch eingestuft.“

Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgen laut Funk „eine ungünstige Marktentwicklung, Fachkräftemangel und politische Risiken“.

„Funk Global Risk Consensus“: erfasste Studien
  • AGCS (Allianz Global Corporate Solutions): Allianz Risk Barometer - Befragung von 2.700 Risikomanagement-Experten in 102 Ländern. Ziel: Die wichtigsten Betriebsrisiken 2020 bestimmen.
  • WEF (World Economic Forum zusammen mit Marsh & Mc Lennan und Zurich Insurance Group, National University of Singapore, Oxford Martin School - University of Oxford, Wharton Risk Management and Decision Processes Center – University of Pennsylvania): The Global Risks Report – Als Grundlage dient der Global Risks Perception Survey welcher von 800 Mitgliedern des WEF ausgefüllt wurde. Zusätzlich wurden weitere 200 Mitglieder der Global Sharpers Community befragt. Ziel: Nachhaltige Lösungen für die wichtigsten Risiken finden.
  • BCI (Business Continuity Institute): BCI Horizon Risk Scan – Befragung von über 9.000 Mitgliedern in über 100 Ländern. Ziel: Firmen widerstandsfähiger machen.
  • PwC: Annual Global CEO Survey – 3.501 CEOs aus 83 Territorien wurden für die Ausgabe 2020 befragt und 1.581 für die Auswertung genutzt.
  • NC State University und Protiviti (Research conducted by NC State University’s ERM initiative and Protiviti): Executive Perspective on Top Risks 2020 – Befragung von 1.063 Board Members und Executives weltweit. Ziel: Vereinfachte Handhabung von Risiken für Unternehmen ermöglichen.

Prognosen maßen Pandemie keine allzu große Bedeutung bei

Basis dieses Rankings seien Studien mit dem Erhebungszeitraum viertes Quartal 2019, also aus der Zeit vor Sars-CoV-2. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise hat sich Funk angesehen, wie das Risiko einer Pandemie in diesen Rankings positioniert wurde.

„Eine Pandemie wurde von keiner der genannten Studien als großes Risiko angesehen“, stellt Funk fest. „Die Studie des WEF hatte allerdings das Risiko einer Pandemie im Bereich der Auswirkungen an zehnter Stelle genannt, die Eintrittswahrscheinlichkeit war jedoch als so gering eingestuft worden, dass dieses Risiko nicht näher beleuchtet wurde.“

Dass unsere Gesellschaft trotz ‚smart data‘, Digitalisierung und vielen genialen Köpfen auch in Zukunft mit eher unwahrscheinlichen negativen Überraschungen leben muss, lehrt uns die aktuelle Krise.

Funk International Austria

In früheren Jahren sei das Risiko Pandemie stärker gewichtet worden, dies jedoch immer unmittelbar nach einer Pandemie wie etwa der Schweinegrippe, der Vogelgrippe, Sars oder Ebola. Mit der Zeit sei dann der Wert der Eintrittswahrscheinlichkeit „kontinuierlich reduziert“ worden.

„Dies zeigt, dass auch Spezialisten schnell vergessen, der Fokus rasant wechselt und latente Risiken in Vergessenheit geraten können.“ Aber, so Funk: „Das Risiko der Pandemie wird sowohl im Bereich der Auswirkungen als auch im Bereich der Wahrscheinlichkeit in Zukunft wieder deutlich an Relevanz dazugewinnen.“

Das Problem mit der Eintrittswahrscheinlichkeit

Dass Corona Gesellschaft und Unternehmen „völlig überraschend“ getroffen habe, liege möglicherweise auch an der Risikobewertung im Zuge des Risikomanagements, die unter anderem oft anhand von Eintrittswahrscheinlichkeiten erfolge.

Eintrittswahrscheinlichkeiten seien aber „oft nur scheingenau und führen meist zur Unterschätzung von Risiken“. Deshalb müsse unterschieden werden, ob eine Eintrittswahrscheinlichkeit als klein beurteilt wird oder im Risikobericht nicht beurteilt werden kann.

Es bedürfe daher eines Umdenkens und der Einsicht, „dass wir zukünftige extreme Ereignisse nicht vorhersagen können und uns deshalb im Rahmen der unternehmerischen Möglichkeiten auf diese vorbereiten müssen“.

Risikoaspekte sollten bei unternehmerischen Entscheidungen verstärkt berücksichtigt werden, rät Funk.

Was womöglich sonst noch unterschätzt wird

Angesichts der früheren Prognosen in Bezug auf Pandemien stellt Funk die Frage in den Raum: „Welche Risiken mit massiven globalen Auswirkungen werden wie die Pandemie potenziell unterschätzt?“

Und liefert auch gleich ein paar Antworten dazu: Auf der Liste stehen zum Beispiel großflächige Unterbrechungen des Internets, Kommunikationsausfall und schwerwiegende Schäden durch Sonnenstürme, der Ausbruch eines Supervulkans und globaler Schädlingsbefall.

Funk-Analyse: Potenziell unterschätzte Risiken

Ereignis

Ursachen und Auswirkungen

Unterbrechung des Internets

  • durch Infrastrukturschäden (z.B. gleichzeitiger Ausfall mehrerer Unterwasserkabel und folglich limitierte Kapazität, welche wohl dann von den Staaten kontrolliert wird und nicht mehr frei verfügbar wäre)
  • massive Cyberangriffe, die mehrere ISPs* funktionsuntüchtig macht
  • Software-Bugs, die mehrere ISPs funktionsuntüchtig macht

Ausfall der Kommunikations-infrastruktur

  • ähnlich wie bei Unterbrechung des Internets
  • Ausfall vieler Satelliten (z.B. Sonnensturm, Meteorschauer)

Stromausfall in den größten globalen Wirtschaftszentren

  • durch Cyberangriffe
  • Infrastrukturschäden (z.B. Sonnensturm, welcher weltweit viele Transistoren zerstört)

Ausbruch eines Supervulkans

  • kontinentale Zerstörung und einhergehende Erdbeben
  • vulkanische Winter mit mittelfristigen Ernteausfällen
  • Auswanderungswellen

Globaler Schädlingsbefall

  • rasche Ausbreitung eines Schädlings/Pilzes/Bakteriums, welcher/s große Bestände von Kulturpflanzen befällt und zu massiven Ernteausfällen führt
Schlagwörter zu diesem Artikel
Digitalisierung · Elementarschaden · Ranking · Versicherungsmakler
 
Die Alternative zum Premium-Abonnement

Möchten Sie Artikel ohne Registrierung abrufen, so können Sie jeden Text über GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH einzeln für einen geringen Stückpreis erhalten. Direkt auf diesen Artikel bei Genios gelangen Sie hier.

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
2.5.2019 – Was sind bei Konsumenten die gefragtesten Informationsquellen zu Finanzprodukten, und wie sieht es mit der Bereitschaft zum Online-Abschluss aus? 8.000 Personen wurden gefragt. (Bild: Telemark Marketing/Thomas Zuber) mehr ...
 
22.12.2016 – Welche Themen die Branche in der Jahresmitte von Mai bis August bewegt haben. mehr ...
 
24.6.2020 – Die Sieger des VAA, vormals Assekuranz Award Austria, stehen fest: Über 500 Makler haben laut Veranstalter in sieben Sparten Versicherer beurteilt. Manche konnten ihre ersten Plätze verteidigen, in manchen Kategorien gibt es neue Tabellenerste. mehr ...