Schifffahrt: Boom und Sorge vor wachsenden Risiken

11.5.2022 – Die Anzahl der Totalverluste in der Schifffahrt hat ein Rekordtief erreicht – und das, obwohl der Seehandel einen Boom erlebt, berichtet die AGCS. Die Liste neuer oder wachsender Risiken ist allerdings lang: Zweckentfremdung und längere Laufzeiten von Schiffen aufgrund großer Nachfrage seien ebenso Gefahrenquellen wie etwa die Überlastung von Häfen und Personal oder der Druck zum Umstieg auf alternative Treibstoffe. Und: Die „Havarie-Grosse“ sei zu einem häufigen und kostspieligen Versicherungsvorfall geworden.

Containerschiff (Bild: Ian Taylor auf Unsplash)
Bild: Ian Taylor auf Unsplash

2021 wurden weltweit 54 Totalverluste von Schiffen gemeldet, um elf Fälle weniger als 2020. Von zehn Jahren, 2012, seien es noch 127 Fälle gewesen, Anfang der 1990er sogar jährlich mehr als 200. Das berichtet der Unternehmensversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS). Er hat am Dienstag seine „Safety and Shipping Review 2022“ veröffentlicht.

Der jüngste Rückgang sei „umso beeindruckender“, als heute weltweit geschätzt 130.000 Schiffe unterwegs seien – um 50.000 mehr als vor 30 Jahren. Das liege an weiterentwickelten Sicherheitsmaßnahmen, verbesserten Schiffskonstruktionen, neue Technologien und verschärften Vorschriften.

Weniger Totalverluste, mehr Unfälle

Dem Bericht zufolge gab es die letzten zehn Jahre 892 Totalverluste. Als wichtigster globaler „Hotspot“ wird die Seeregion Südchina, Indochina, Indonesien, Philippinen identifiziert: Jeder fünfte (12) Untergang 2021 und jeder vierte (225) in den letzten zehn Jahren habe sich hier ereignet.

Als Ursachen gälten hohes Handelsaufkommen, überlastete Häfen, ältere Flotten und extreme Wetterbedingungen in der Region.

Die Totalverluste sind auf einem Rekordtief – etwa 50 bis 75 pro Jahr in den letzten vier Jahren, verglichen mit mehr als 200 pro Jahr noch in den 1990er Jahren.

Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung der AGCS in CEE und globaler Produktmanager für Schiffskasko der AGCS

Weltweit machten Frachtschiffe 2021 die Hälfte (27) der verlorenen Schiffe und 40 Prozent in den letzten zehn Jahren aus. Das Sinken eines Schiffs sei 2021 die Hauptursache (32 Fälle) für Totalverluste gewesen.

Während es 2021 weniger Totalverluste gab, stieg die Anzahl der Unfälle. Mehr als ein Drittel der rund 3.000 Vorfälle weltweit (1.311) war auf Maschinenschäden zurückzuführen, gefolgt von Kollisionen (222) und Bränden (178).

Zunehmendes Problem: Brände an Bord

Brände auf Frachtern seien ein zunehmendes Problem. In den letzten fünf Jahren wurden über 70 Brände auf Containerschiffen gemeldet. 2021 stieg ihre Anzahl um fast zehn Prozent.

„Brände brechen häufig in Containern aus, was die Folge von nicht oder falsch deklarierter gefährlicher Ladung wie Chemikalien und Batterien sein kann“, erklärt der Versicherer. Etwa fünf Prozent der verschifften Container seien mit nicht deklarierten Gefahrgüter befüllt.

Brände seien gerade für Autofrachter kritisch. Verursacht durch Fehlfunktionen oder elektrische Kurzschlüsse in den Fahrzeugen, könne sich ein Brand schnell auf den offenen Decks ausbreiten. Die wachsende Zahl von Elektrofahrzeugen erhöhe das Risiko: Lithium-Ionen-Akkus seien hoch entzündlich, und die vorhandenen Löscheinrichtungen können ein schnell loderndes Feuer oft auch kaum eindämmen, so die AGCS.

Das könne angesichts des Wertes der Ladung, der Kosten für die Beseitigung des Wracks und der Eindämmung der Umweltverschmutzung teuer werden.

Totalverluste von Schiffen mit über 100 BRT (Daten: AGCS; Grafik: Lampert)

Großes Schiff, großer Aufwand

Auch große Schiffe stellen die Schifffahrt vor Schwierigkeiten, so die AGCS. Gerate ein solches in Seenot, könne es schwierig sein, einen Nothafen zu finden: Spezielle Geräte, Schlepper, Kräne und Hafeneinrichtungen würden benötigt; das erhöhe den Zeit- und Kostenaufwand.

Die Bergung sei ein wachsendes Problem, ergänzt Anastasios Leonburg, Senior Marine Risk Consultant bei AGCS: „Umweltbelange tragen zu steigenden Bergungs- und Wrackbeseitigungskosten bei, da von Schiffseignern und Versicherern erwartet wird, dass sie zum Schutz der Umwelt und der lokalen Wirtschaft alles Mögliche tun.“

Höhere Bergungskosten sowie die Belastung durch größere Schäden im Allgemeinen müssen zunehmend von den Frachteigentümern und ihren Versicherern getragen werden, so die AGCS.

„Havarie-Grosse“ – teurer Versicherungsfall

Das „Havarie-Grosse“, das rechtliche Verfahren, bei dem die Ladungseigentümer an den Verlusten und Kosten für die Schiffsrettung beteiligt werden, sei ein häufiger und kostspieliger Versicherungsvorfall“ geworden, sagt Rainer Bartzsch, regionaler Schadenleiter für die Schifffahrtsversicherung der AGCS in CEE.

Denn die Anzahl der großen Schiffe, die in Brände, Grundberührungen und Containerverluste auf See verwickelt sind, sei im Vergleich zu vor fünf Jahren gestiegen.

Die „Havarie-Grosse“, das rechtliche Verfahren, bei dem die Ladungseigentümer anteilig an den Verlusten und den Kosten für die Rettung eines Schiffs beteiligt werden, ist zu einem häufigen und kostspieligen Versicherungsvorfall geworden.

Rainer Bartzsch, regionaler Schadenleiter für die Schifffahrtsversicherung der AGCS in CEE

Russischer Überfall auf Ukraine beeinträchtigt Schifffahrt

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Schifffahrtsbranche mehrfach beeinträchtigt, stellt die AGCS fest: „durch den Verlust von Schiffen und Besatzungsmitgliedern im Schwarzen Meer, die Unterbrechung des Handels und die Erfüllung von Sanktionen“.

Im täglichen Betrieb habe die Branche mit Auswirkungen auf die Besatzung, Treibstoffproblemen und potenziellen Cyberrisiken zu kämpfen. Letztere könnten etwa in GPS-Störungen oder Spoofing des automatischen Identifikationssystems (AIS) bestehen.

Ein längerer Konflikt könnte „tiefgreifende Folgen für den globalen Handel mit Energie und anderen Rohstoffen haben“, warnt der Versicherer. Ein erweitertes Verbot für russisches Öl könnte Schiffseigner letztlich auch zwingen, alternative Treibstoffe zu verwenden. Sollten diese Kraftstoffe von minderwertiger Qualität sein, könnte dies zu Maschinenschäden führen.

Belastung durch Sanktionen

AGCS merkt auch an, dass die Einhaltung der Sanktionen gegen Russland eine „erhebliche Belastung“ darstelle und ein Verstoß schwerwiegende rechtliche Folgen und Strafen nach sich ziehen könne. Es könne schwierig sein, den endgültigen Eigentümer eines Schiffs oder einer Fracht zu ermitteln.

Und: „Die Sanktionen gelten auch für verschiedene Teile der Transportlieferkette, einschließlich Banken und Versicherungen, sowie für maritime Hilfsdienste – was ihre Einhaltung noch komplexer macht.“

Safety and Shipping Review 2022 (Cover; Quelle: AGCS)
Safety and Shipping Review 2022
(Cover; Quelle: AGCS)

„Zweckentfremdung“ und verlängerte Schiffslaufzeiten

Neue Herausforderungen hat auch Corona mit sich gebracht, hält die AGCS fest. Der wirtschaftliche Aufschwung nach den Lockdowns habe zu einem Boom in der Schifffahrt geführt.

Container seien allerdings Mangelware. Dies verleite einige Reedereien dazu, Massengutfrachter, Produkttransporter oder Öltanker für den Containertransport einzusetzen. Eine solche „Zweckentfremdung“ werfe jedoch Sicherheitsfragen auf.

Da die Nachfrage nach Schiffen hoch sei, verlängere so mancher Eigner auch die Laufzeit der Schiffe. Es gebe zwar „viele gut geführte und gewartete Flotten“ mit 15 bis 25 Jahre alten Schiffen. Altere Container- und Frachtschiffe neigten aber eher zu Schäden.

Schiffe, die in den letzten zehn Jahren in einen Totalschaden verwickelt waren, waren laut AGCS im Schnitt 28 Jahre alt.

Überlastete Häfen, überlastetes Personal

Ein weiterer Aspekt sei eine „noch nie dagewesene Überlastung der Häfen“, die Crews, Hafenpersonal und Anlagen zusätzlich unter Druck setze.

„Das Be- und Entladen von Schiffen ist ein besonders riskanter Vorgang, bei dem kleine Fehler große Folgen haben können“, sagt Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung der AGCS in Zentral- und Osteuropa und globaler Produktmanager für Schiffskasko der AGCS.

Hinzu komme, dass viele qualifizierte Seeleute die Branche verlassen, fügt die AGCS hinzu. Für die kommenden fünf Jahren werde „ein ernsthafter Mangel an Offizieren“ prognostiziert.

Auf den Seeleuten, die bleiben, laste wirtschaftlicher Druck, die Arbeitsbelastung sei hoch. Dies erhöhe die Fehlerneigung. 75 Prozent der Vorfälle in der Schifffahrt haben nach Angaben des Versicherers ihre Ursache in menschlichem Versagen.

Druck zu Klimafreundlichkeit und Übergangsrisiken

Weiterem Druck sehe sich die Schifffahrt im Zuge der Bekämpfung des Klimawandels ausgesetzt – dem Druck, klimafreundlicher zu werden. Die Dekarbonisierung der Branche werde „große Investitionen in grüne Technologien und alternative Kraftstoffe“ erfordern.

Eine wachsende Anzahl von Schiffen stelle bereits auf Flüssigerdgas (LNG) um, andere alternative Kraftstoffe – darunter Ammoniak, Wasserstoff, Methanol und Strom – seien in der Entwicklung.

Auch in diesem Punkt ortet der Versicherer Gefahrenpotenzial, denn der Einsatz alternativer Kraftstoffe gehe mit einem erhöhten Risiko von Maschinenausfällen in der Übergangsphase einher.

Zum Herunterladen

Die „Safety and Shipping Review 2022“ kann von der AGCS-Website heruntergeladen werden.

 
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