Schwachstellen im Vertriebsrecht: Aufsicht greift Kritik auf

12.1.2022 – Für ein abschließendes Urteil über die Auswirkungen der IDD ist es der europäischen Versicherungsaufsicht noch zu früh, sie hat nun aber eine Bestandsaufnahme versucht. Die Analyse beruht nicht zuletzt auch auf Stellungnahmen von nationalen Behörden und Interessenverbänden und kommt zu einem gemischten Ergebnis. Thematisiert werden unter anderem ein Informationsüberfluss, Defizite beim Wünsche-und-Bedürfnis-Test und fehlende Handlungsanleitungen für den Vertrieb. Die Eiopa hält auch gesetzliche Änderungen für nötig, um sich überlappenden Vorschriften entgegenzuwirken.

Die Versicherungsvertriebsrichtlinie (IDD) beschäftigt die Branche bereits seit etlichen Jahren – nicht zuletzt aufgrund ihrer langen Vorlaufzeit und der Verzögerungen bei ihrer Umsetzung. Tatsächlich in Anwendung ist sie dagegen erst seit vergleichsweise kurzer Zeit. Eine Überprüfung („Review“) steht dennoch bereits im Raum, die Richtlinie selbst sieht das so vor.

Allerdings ist es eigentlich noch zu früh, aus der bisherigen Anwendung belastbare Schlussfolgerungen zu ziehen – das sagt jedenfalls die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) in ihrem neuen „Bericht über die Anwendung der Versicherungsvertriebsrichtlinie“.

Trotz der bislang beschränkten Erfahrungswerte – und mit der Verschiedenheit der nationalen Märkte und Rahmenbedingungen „im Hinterkopf“ – soll der Bericht aber ein vorläufiges Bild von den Auswirkungen der Richtlinie vermitteln.

EU-Versicherungsmarkt bleibt fragmentiert

Vorweg merkt die Eiopa an, dass die IDD eine Angleichung des Versicherungsvertriebs bezweckt habe. Trotzdem sei der EU-Markt nach wie vor von einer weitreichenden Fragmentierung geprägt, mit unterschiedlichen Vertriebskanälen, Eintragungserfordernissen und Berichtsreglements.

Dies erschwere es zu bewerten, ob für die Konsumenten beim Versicherungsvertrieb einheitliche Ergebnisse im Binnenmarkt erreicht werden. Nichtsdestoweniger seien einige Trends zu beobachten.

Weniger registrierte Versicherungsvermittler

Einer davon sei eine gesunkene Anzahl eingetragener Vermittler in der Periode 2016–2020. Dafür sieht die Eiopa mehrere mögliche Gründe: Konsolidierung, Alterung der Vermittler, Reorganisation von Vertriebsmodellen, strengere nationale Berufsanforderungen, Streichung inaktiver Vermittler aus den Registern.

Der Bericht spricht für diesen Zeitraum von einer starken Verringerung der Anzahl von Vermittlern, die als natürliche Personen registriert sind, bei gleichzeitig leichter Zunahme der Anzahl der juristischen Personen. Auch hier seien verschiedene Ursachen denkbar, etwa weitere Professionalisierung und Digitalisierung.

Trotz Verkleinerung des Vermittlerkreises sei die Anzahl jener Vermittler, die für eine Tätigkeit in einem anderen Mitgliedsstaat eingetragen sind, in den meisten Staaten gestiegen. Darüber, wie viel Prämie grenzüberschreitend erwirtschaftet wird, liegen allerdings keine Daten vor.

Der „durchschnittliche europäische Versicherungsvermittler“ war laut Bericht übrigens eine natürliche Person, die im Auftrag eines Versicherers oder mehrerer Versicherer tätig war, ausschließlich Versicherungen verkaufte und mittels Provision bezahlt wurde.

Auswirkungen werden gemischt beurteilt

Eiopa-Bericht über die bisherige Anwendung der IDD: ein gemischtes Bild (Cover; Quelle: Eiopa)
Eiopa-Bericht über die bisherige
Anwendung der IDD: ein gemischtes Bild
(Cover; Quelle: Eiopa)

Welche Auswirkungen hatte die IDD auf den Vertrieb? Dem Bericht zufolge gaben manche Wirtschaftsverbände an, sie habe im Allgemeinen positiv auf die Art und Weise des Vertriebs gewirkt. Verbraucherverbände hätten indes insbesondere etwa in Bezug auf den Verkauf fondsgebundener Lebensversicherungen „problematische Praktiken“ kritisiert.

Die nationalen Aufsichtsbehörden zeichnen laut Eiopa ein gemischtes Bild. Demnach hätte sich auf der einen Seite der Vertrieb in den meisten Staaten verbessert.

Auf der anderen Seite stünden in manchen Staaten Bedenken, dass der Wünsche-und-Bedürfnis-Test „manchmal zu formalistisch“ oder gar „nicht-existent“ sei; manchmal würden Kunden – besonders im Onlinevertrieb – auch dazu „angestoßen“, ein Kästchen anzukreuzen, das bestätigt, dass ein Vertrag den Wünschen und Bedürfnissen entspreche.

Rechtsrahmen ist nicht ausreichend digitalfit

Apropos digital: Versicherungsvertreiber waren bei der Anwendung und Aufseher bei der Überwachung der IDD-Regeln mit mancher Herausforderung konfrontiert, wenn es um Form und Zeitpunkt der Offenlegung von Informationen in einem digitalen Kontext geht. Das gehe aus Angaben nationaler Behörden und anderer Akteure hervor.

Der Grund dafür: fehlende rechtliche Leitlinien. Beispielsweise sei das IDD-Reglement hinsichtlich der Kundeninformation nicht in der Lage gewesen, digitale Entwicklungen adäquat zu adressieren.

Zudem seien einige „Herausforderungen“ identifiziert worden, was die Anwendung der IDD in Bezug auf digitale Plattformen und künstliche Intelligenz angeht. Ein Beispiel: die Definition, was in einem Online-Umfeld unter den Begriff „Versicherungsvertrieb“ fällt.

Informationsüberlastung und Kundenverwirrung

Die Eiopa-eigene Analyse der europäischen Gesetzesbestands und Stellungnahmen verschiedener Wirtschaftsverbände haben sich auch mit der Frage der Kundeninformation befasst.

Dabei sei klar geworden, dass die Gesetzgebung zwar versucht habe, „gute Ergebnisse“ für die Konsumenten zu fördern. Damit sei aber auch die Menge und Breite der Kundeninformation im Verkaufsprozess angewachsen. Dies könne zu einer Überlastung des Informationsflusses und zur Verwirrung der Kunden führen.

Sich überschneidende Informationserfordernisse in den EU-Regelwerken „haben den Bedarf aufgezeigt, größere Kohärenz zu erzielen“ und das Verständnis der Konsumenten von Informationsoffenlegungen zu verbessern, heißt es im Bericht.

Dies, so die Eiopa, könne nur mit „koordinierten Änderungen“ in verschiedenen Teilbereichen des EU-Rechts erreicht werden, meint die Aufsichtsbehörde.

Handlungsanleitungen für mehr Klarheit in der Anwendung nötig

Die Anhaltspunkte, die die Eiopa von nationalen Behörden und anderen Akteure erfasst hat, haben, so die Eiopa, „Herausforderungen“ deutlich gemacht: für die Industrie in der Anwendung mancher Aspekte der IDD und für die Behörden in deren Überwachung.

Die Eiopa schließt daraus auf einen Bedarf, „weitere Klärungen zur richtigen Auslegung der IDD“ bereitzustellen, um die aufsichtliche Konvergenz zu erleichtern und Versicherungsvertreibern „Klarheit“ zu bieten.

Zum Herunterladen

Der 64-seitige Bericht „Report on the application oft the Insurance Distribution Directive (IDD)“ und die Länderberichte, darunter jener für Österreich, können als PDF-Dokumente von der Eiopa-Website heruntergeladen werden.

 
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