WERBUNG

Strengeres Klimaziel bekommt Unterstützung von Versicherern

17.9.2020 – 55 statt nur 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen in Europa bis 2030: Das schlägt die EU-Kommission vor. Ein offener Brief aus der Wirtschaft gibt dem Vorhaben Rückendeckung. Die Liste der Unterzeichner ist lang, auch Allianz und Generali sind darunter.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch bei ihrer Rede zur Lage der Union im EU-Parlament (Bild: Europäische Union, 2020)
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei ihrer Rede zur
Lage der Union im EU-Parlament (Bild: Europäische Union, 2020)

Es war schon seit Längerem davon die Rede, am Mittwoch hat es EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer „Rede zur Lage der Union“ vor dem EU-Parlament in Brüssel bestätigt.

Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen Europas gegenüber 1990 um 55 Prozent reduziert werden.

Bisher hatte die Kommission in ihrem Programm für einen „Europäischen Grünen Deal“ (VersicherungsJournal 12.12.2019, 12.3.2018) einen Wert von 40 Prozent angepeilt.

Der neuen Zielvorgabe sei „eine breite öffentliche Konsultation und eine umfassende Folgenabschätzung“ vorangegangen.

Vorschriften sollen bis nächsten Sommer adaptiert werden

Die Folgenabschätzung zeige: Wird dieses Ziel erreicht, so wäre die EU „auf dem besten Weg, bis 2050 klimaneutral zu werden“ und ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen zu erfüllen. „Und wenn andere unserem Beispiel folgen, kann die Erderwärmung auf unter 1,5 °C beschränkt werden.“

Bis zum nächsten Sommer sollen „sämtliche EU-Klima- und Energievorschriften“ dem neuen Ziel entsprechend überarbeitet werden.

Von der Leyen: Wirtschaft kann das bewältigen

„Ich weiß, dass diese Erhöhung unseres Einsparziels von 40 Prozent auf 55 Prozent für manche zu viel ist und für andere zu gering“, so von der Leyen. „Aber unsere Folgenabschätzung hat eindeutig ergeben, dass unsere Wirtschaft und Industrie dies bewältigen können.“

Die Emissionen seien seit 1990 um 25 Prozent gesunken, die Wirtschaft aber gleichzeitig „um mehr als 60 Prozent gewachsen“. Die Kommissionspräsidentin stützt sich auch darauf, dass Führungskräfte aus der Wirtschaft und Investoren sich für eine 55-Prozent-Marke ausgesprochen hätten.

Brief an europäische Spitzenpolitiker

Nachzulesen ist das in einem offenen Brief, der von der Corporate Leaders Group Europe (CLG Europe) koordiniert, von 164 Führungskräften unterzeichnet und an die Staats- und Regierungschefs der EU sowie die EU-Kommissare gerichtet ist.

In der Liste finden sich Namen wie Google, Apple, Microsoft, Deutsche Bank, Verbund, H&M, Ikea, Unilever, Vattenfall und Hilton. Für die Allianz SE hat Konzernchef Oliver Bäte unterschrieben, für die Assicurazioni Generali S.p.A. Group-CEO Philippe Donnet.

Drei Punkte

In dem Schreiben rufen die Unterzeichner die Politik dazu auf, „die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden“ und einen Wirtschaftsaufschwung („economic recovery“) mit Blick auf Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen, indem

  • sie die Ziele des Europäischen Grünen Deals bestätigt,
  • belastbare Pläne vorlegt, die „die grünen Investments ermöglichen, die benötigt werden, um Klimaneutralität herzustellen“ und
  • ein „klar definiertes Ziel, die inländischen Treibhausgasemissionen bis 2030 um zumindest 55 Prozent zu verringern“ und damit verknüpfte Zielsetzungen vereinbart.

„Wissen um die Risiken, die der Klimawandel bringt

„Wir wissen um die Risiken, die der Klimawandel und der Verlust an Biodiversität für unser Geschäft darstellen“, heißt es in dem Brief unter anderem.

Investoren, Banken und Versicherer seien dabei, ihre Portfolios in Richtung Netto-Nullemissionen umzubauen, und von vielen Unternehmen werde bereits erheblich in saubere Energie, Energieeffizienz und Emissionsreduktion investiert.

Notwendig sei ein Ansatz, der die Entwicklung sauberer Technologien und die Nachfrage nach „kohlenstoffarmen“ Gütern und Dienstleistungen fördert. Es seien „genau diese grünen Technologien, die Europas Wettbewerbsfähigkeit in der Welt antreiben werden“.

Kogler und Gewessler begrüßen Vorschlag

Auf fruchtbaren Boden stößt der Kommissionsvorschlag bei Vizekanzler Werner Kogler und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler.

Sie begrüßten in einer gemeinsamen Aussendung die vorgeschlagene Anhebung des Reduktionsziels. „Der Kontinent Europa und die Union sollen auch global gesehen eine wichtige Rolle spielen und die damit verbundenen Chancen nutzen“, so Kogler.

„Mindestens 55 Prozent weniger CO2-Ausstoß sind ein ambitioniertes Ziel, aber genau das brauchen wir jetzt“, sagt Gewessler, die Österreich als „Klimaschutzvorreiter“ sehen möchte.

„Österreich wird sich in den kommenden Verhandlungen dafür einsetzen, mindestens 55 Prozent Reduktion zu fixieren“, kündigt Gewessler an.

„Können uns beim Klimaschutz jetzt mehr zutrauen“

Die Gespräche sollen Ende September in Berlin stattfinden, wie die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze am Mittwoch mitteilte. „Ich hoffe, dass wir bei diesen Gesprächen einer Einigung näherkommen werden.“ Deutschland hat im zweiten Halbjahr 2020 die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Auch Schulze stellt sich hinter das Vorhaben, vom 40-Prozent-Ziel abzugehen: „Wir alle wissen, dass das nicht ausreicht. Und wir wissen, dass wir Europäer inzwischen mehr können.“ Das Bewusstsein der Europäer für den Klimaschutz sei „enorm gewachsen“, der gesellschaftliche Rückhalt groß.

Industriellenvereinigung bremst

Weniger begeistert zeigte sich unterdessen etwa die Industriellenvereinigung. Die Erhöhung auf mindestens 55 Prozent würde „den Druck auf Europas Wirtschaft noch einmal erhöhen – und das mitten in einer der größten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten“, sagt Generalsekretär Christoph Neumayer.

Die IV plädiert in der Aussendung dafür, „zunächst die Wirtschaft zu stabilisieren und erst dann neue politische Zielsetzungen zu verkünden“. Österreich müsse bereits „größte Anstrengungen unternehmen, um das bestehende Ziel zu erreichen“.

WKÖ-Kopf: Unkalkulierbare Kosten

Auch in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) scheint die Freude Grenzen zu haben. „Gerade die europäischen Industriebetriebe sind die Technologievorreiter, die den Weg zur Klimaneutralität ebnen“, sagt Generalsekretär Karlheinz Kopf.

„Sie mit Kosten, die letztlich nicht mehr kalkulierbar sind, zu belasten, hilft dem Klimaschutz nicht, weil sie so nicht mehr in Europa investieren können“, so Kopf weiter. Er sieht die Gefahr, dass Produktionen aus der EU abwandern und anderswo mehr Treibhausgase emittieren.

Derzeit fehle es an den Technologien für die Dekarbonisierung und den nötigen erneuerbaren Energien. In Forschung und Entwicklung werde aber „auf Hochtouren“ daran gearbeitet.

Kopf: „Wir gehen davon aus, dass im Lauf der 2030er-Jahre die notwendigen Voraussetzungen gegeben sind und sich eine bahnbrechende Emissionsreduktion, wie von der Leyen sie will, dann leichter realisieren lässt.“

Schlagwörter zu diesem Artikel
Nachhaltigkeit
 
WERBUNG
Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu! Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.at.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.at.

Täglich bestens informiert!

Der VersicherungsJournal Newsletter informiert Sie von montags - freitags über alle wichtigen Themen der Branche.

Ihre Vorteile

  • Alle Artikel stammen aus unserer unabhängigen Redaktion
  • Die neuesten Stellenangebote
  • Interessante Leserbriefe

Jetzt kostenlos anmelden!

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.at
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
18.9.2020 – Der Wirtschaftsprüfer Deloitte hat für seinen aktuellen Unternehmensmonitor mehr als 600 heimische Führungskräfte über die Stimmung in ihrem Betrieb, nötige Rahmenbedingungen für einen Neustart und ihre größten Sorgen in der augenblicklichen Lage befragen lassen. (Bild: Deloitte) mehr ...
 
15.9.2020 – Covid-19 habe den gesamten Transportsektor „disruptiert“, derweil ohne Aussicht auf rasche Erholung: Der Kreditversicherer hat Zahlen zu Szenarien mit und ohne zweite Corona-Welle veröffentlicht. mehr ...