Technische Versicherungen: Ende der Stagnation?

14.6.2018 – Das weltweite Prämienvolumen der technischen Versicherungen hat sich 2017 nach Schätzungen von Swiss Re wieder etwas erholt und stieg auf 21 Milliarden US-Dollar. Andererseits sind die Gewinnspannen bei manchem Anbieter „bereits unter das langfristig haltbare Niveau gesunken“, heißt es aus der Swiss Re. Neue Technologien könnten den Wandel ebenso vorantreiben wie Urbanisierung, Infrastruktur-Sanierung und erneuerbare Energien.

Auf 21 Milliarden US-Dollar (an die 18 Milliarden Euro) schätzt Rückversicherer Swiss Re das weltweite Prämienvolumen für technische Versicherungen 2017 ein. Verglichen mit 2016, ist das ein leichter Zuwachs, aber nach wie vor ein Wert deutlich unterhalb der rund 24 Milliarden Dollar 2011.

Das Prämienvolumen in den technischen Versicherungen entspricht laut dem am Mittwoch von Swiss Re veröffentlichten „Sigma“-Report etwa drei Prozent der Gesamtprämien – 2017 zirka 730 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 620 Milliarden Euro) – in der Gewerbeversicherung.

Etwa die Hälfte des Geschäfts steuert die Region „Europa, Mittlerer Osten und Afrika“ bei. „Dies ist vorrangig auf die Beliebtheit von Industrie-Allgefahrenversicherungen wie Maschinenbruch- und Bauwesenversicherungen zurückzuführen“, erläutert der Rückversicherer.

Starker Schub in den 2000ern

Ausgehend von unter zehn Milliarden Dollar erlebten technische Versicherungen laut dem von Swiss Re am Mittwoch veröffentlichten „Sigma“-Report in den 2000er-Jahren einen kräftigen Schub, getragen von boomender Bauaktivität in einigen Schwellenländern.

Aktuell jedoch beginnen einige wichtige Schwellenländer „gerade erst, sich von der jüngsten Rezession zu erholen“, stellt Swiss Re fest. Und in vielen entwickelten Märkten lägen die Ausgaben im Bausektor, gemessen als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts, noch immer unter dem Höchstwert aus der Zeit vor der globalen Finanzkrise 2008.

Versicherungsprämien in den technischen Versicherungen (Quelle: Swiss Re)
Versicherungsprämien in den technischen Versicherungen (Quelle: Swiss Re). Zum Vergrößern Grafik anklicken.

Rund die Hälfte sind Projektversicherungen

Nach den Studiendaten entfällt etwa die Hälfte des „technischen Marktes“ auf Projektversicherungen zur Absicherung gegen Risiken während der Bauphase oder bei der Installation von Anlagen, Gebäuden und Infrastruktur – beispielsweise Bauwesen- oder Montageversicherungen.

Der Rest geht überwiegend in die „Industrie-Allgefahrenversicherung“, welche Deckung für unvorhergesehene Verluste nach Inbetriebnahme der Maschine oder des Bauwerks bietet, etwa Maschinenbruch-, Elektronik- oder Bau-Maschinenkaskoversicherungen.

Einen geringeren Teil macht die Gewährleistungsversicherung für Immobilien aus, mit der Sachschäden aufgrund von Konstruktions-, Material- oder Ausführungsfehlern, die bei der Fertigstellung des Projekts unentdeckt bleiben, gedeckt werden können.

Versicherungstechnische Leistung verschlechtert sich

Verglichen mit anderen Spezialsparten sind technische Polizzen noch immer relativ profitabel, heißt es von Swiss Re.

In letzter Zeit sei aber eine Verschlechterung der versicherungstechnischen Leistung zu beobachten, „nicht zuletzt, weil die endgültigen Zahlen zu Schadenfällen aufgrund der langen Vertragslaufzeiten einiger technischer Versicherungen erst nach geraumer Zeit feststehen“.

Zudem spricht die Analyse von einem Anstieg der Schadenquoten – weltweit durchschnittlich um fünf Prozentpunkte seit 2011 – und steigenden Schadenforderungen „aufgrund mangelhafter Qualitätskontrollen in einigen Bereichen des Bauwesens“.

Dieser Anstieg sei in fast allen Regionen zu beobachten, „besonders deutlich jedoch bei Versicherern in Europa und Asien“.

Preise gesunken

Die neue Sigma-Studie (Cover; Quelle: Swiss Re)
Die neue Sigma-Studie
(Cover; Quelle: Swiss Re)

Die Preise für technische Versicherungen seien auch „im Zuge einer Aufweichung der Vertragsbedingungen“ gefallen.

„Die technischen Versicherungsprämien gehen seit mehr als zehn Jahren zurück“, kommentiert Mike Mitchell, Head Property & Casualty Underwriting Reinsurance bei Swiss Re. „Bei manchem Anbieter ist die Gewinnspanne bereits unter das langfristig haltbare Niveau gesunken.“

Zunehmende Komplexität großer Bau- und Infrastrukturprojekte mit verschiedenen Phasen, mehreren Vertragsparteien und teilweise multinationalem Charakter – was die versicherungstechnischen Risiken steigen lasse – unterstützen diese Entwicklung, ergänzt Swiss Re.

Neue Versicherungszentren

London bleibe ein wichtiges Zentrum für technische Versicherungen, vor allem für teure Projekte mit anspruchsvollem Versicherungsbedarf. Mittlerweile würden jedoch immer mehr technische Polizzen in neuen, internationalen Versicherungszentren wie Singapur, Dubai und Miami abgeschlossen.

„Dank dieser Dezentralisierung des Risikos und der Konsolidierung etablierter Makler konnten die Vermittler ihren Einfluss in den Versicherungsmärkten für Großkunden ausbauen“, heißt es im Bericht.

Einheimische Makler seien im Versicherungsgeschäft für örtliche Bauvorhaben besonders aktiv, „während international tätige Makler eine wichtige Rolle in komplexen Projekten spielen, die spezielles Fachwissen erfordern und/oder teilweise aus dem Ausland finanziert werden“.

Neue Technologien als Treiber des Wandels?

Der Einsatz digitaler Technologien könne „deutliche Effizienzsteigerungen“ bewirken, etwa durch Verbesserungen in der Überwachung, Minderung und Verwaltung technischer Risiken, hält Swiss Re fest.

Aber, so Mitchell: „Neue Technologien verändern bestehende Risiken und bringen neue Gefahren wie etwa Cyber-Risiken mit sich. Für Versicherer könnte dies höhere Schadenforderungen bedeuten, selbst wenn die Schadenhäufigkeit weiter sinkt.“

Aufgrund der zunehmenden digitalen Vernetzung der Welt sieht Swiss Re in technischen Versicherungen das Potenzial, verstärkt zur Vermeidung und Minderung von Risiken beizutragen. „Dies könnte für technische Versicherer auch eine radikale Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle notwendig machen.“

Konjunktur und andere Einflussfaktoren

Abseits des technologischen Fortschritts hängt die Entwicklung des Marktes freilich nicht zuletzt vom Wachstum der Weltwirtschaft ab.

„Der anhaltende zyklische Aufschwung sowohl in den Industrie- als auch den Schwellenländern sollte die Bautätigkeit und damit auch die Nachfrage nach technischen Versicherungen ankurbeln“, glaubt man bei Swiss Re.

Auch fortschreitende Urbanisierung, Sanierung veralteter Infrastruktur und Ausbau erneuerbarer Energiequellen „dürften zu höheren Investitionen in der Baubranche führen“.

Allerdings bleibe ungewiss, inwieweit diese Faktoren zu einem wesentlichen Prämienwachstum beitragen werden.

Zum Herunterladen

Der „Sigma“-Report 2/2018 „Zukunft gestalten: Aktuelle Entwicklungen im Bereich der Technischen Versicherung“ kann auf einer eigenen Webseite von Swiss Re online gelesen oder von dort als PDF-Dokument heruntergeladen werden. Sie ist auf Deutsch und Englisch abrufbar.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Immobilie · Konjunktur · Sachversicherung · Technische Versicherung
 
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