24.2.2026 – Die geopolitische Lage kommt den Auftragsbüchern des Rüstungssektors eigentlich zugute. Dem stehen allerdings Risiken gegenüber, stellt WTW in einer Analyse fest. Sie haben mit internationalen Abhängigkeiten, industriellen Kapazitäten, politischen Abwägungen und budgetären Spielräumen der Staaten zu tun.

Die geopolitische See ist in den vergangenen Jahren rauer geworden, die internationale Ordnung hat an Stabilität verloren, das Gewaltpotenzial zugenommen. Das schlägt sich auch in den Ausgaben für Verteidigung nieder.
Jene der EU-Staaten sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Nach Angaben des (Minister-)Rats der EU belief sich dieses Volumen 2020 auf 234 Milliarden Euro, 2024 auf 343 Milliarden Euro.
2025 dürften sie Schätzungen der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) zufolge auf 381 Milliarden Euro gestiegen sein und damit einen Wert von 2,1 Prozent des EU-BIP erreicht haben (2024: 1,9 Prozent).
Österreich hat 2024 laut EDA 4,9 Milliarden Euro für Verteidigung ausgegeben (1 Prozent des BIP). Auch das ist ein merklicher Anstieg. 2023 waren es 4,08 Milliarden (0,9 Prozent des BIP), 2022 3,4 Milliarden Euro und 2021 3,3 Milliarden Euro (jeweils 0,8 Prozent des BIP).

Für Rüstungsunternehmen bedeutet dies steigende Nachfrage. Allerdings sehen sich diese dennoch mit finanziellen und strukturellen Herausforderungen konfrontiert, stellt man bei Willis, einem Geschäftsbereich des Risikoberaters WTW, fest.
„Nachdem wir in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ein historisches Tief an staatlichen Konflikten erlebt haben, hat sich das Blatt zuletzt gewendet“, sagt Silja-Leena Stawikowski, Senior Account Manager Special Risk bei Willis.
Staatliche Gewalt habe spürbar zugenommen und damit einen starken Anstieg der Verteidigungsausgaben sowie eine Neuordnung globaler Lieferketten im Rüstungssektor ausgelöst.
„Für Marktteilnehmer bedeutet diese neue Risikolandschaft erhebliche Auswirkungen auf operative Prozesse und die strategische Planung“, so Stawikowski.
Der Willis-Analyse zufolge ist die Rüstungsindustrie zwar von einer „stark wachsenden Nachfrage“ geprägt, hat aber zugleich mit „begrenzten Produktionskapazitäten und einer mangelnden internationalen Zusammenarbeit“ zu kämpfen.
Willis hat in seiner Analyse fünf „Top-Risiken“ der Rüstungsindustrie identifiziert – siehe Kasten. Die Ergebnisse basieren auf einer Befragung von Führungskräften aus der Verteidigungsindustrie aus Nordamerika, Europa und Australien, die WTW zusammen mit Oxford Analytica durchgeführt hat.
| Risiko | Wie Willis die Risiken kommentiert |
|---|---|
| Quelle: WTW/Willis | |
| Spagat zwischen nationaler Souveränität und Ressourcenbündelung | Die Verteidigung sei schon immer eines der klarsten Symbole nationaler Souveränität gewesen, so einer der befragten US-amerikanischen Führungskräfte. Allerdings könnten die Länder deutlich effizienter arbeiten, wenn sie ihre Ressourcen bündeln würden. Verbündete Partner wie die USA, Großbritannien, Europa und Japan müssen abwägen, ob sie bei gemeinsamen Verteidigungsprogrammen mitwirken oder eigenständig agieren – und dabei höhere Kosten und weniger effektive Ergebnisse riskieren. „Regierungen befinden sich in einem Dilemma: Sie müssen abwägen, ob sie gemeinsam und effizienter handeln oder ihre Unabhängigkeit wahren wollen“, so Stawikowski. |
| Zunehmende Zollkonflikte | Die Verlängerung des Handelsfriedens zwischen den USA und China im November 2025 sorgt nur bedingt für Entspannung. Zwar verfolgen die USA offenbar das Ziel, den Handel mit China in strategischen Schlüsselindustrien zu reduzieren; zugleich wächst jedoch die Unsicherheit darüber, ob China Gegenmaßnahmen ergreift – etwa indem es den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Seltene Erden, Chips und elektronischen Bauteilen einschränkt. Das könnte unter Umständen Fertigungsengpässe nach sich ziehen. Parallel drohen neue oder wieder aufflammende Zollkonflikte mit weiteren wichtigen Handelspartnern wie Brasilien, Indien, Mexiko oder Kanada. Für die Verteidigungsindustrie bedeutet diese Gemengelage steigende Kosten, fragile Lieferketten und ein ausgebremstes Wirtschaftswachstum. Letzteres könnte insbesondere die Kaufkraft einiger Regierungen gefährden, gab ein europäischer Panel-Teilnehmer zu bedenken. |
| Abhängigkeit von China | Der Ukraine-Krieg und die zunehmend konfliktreiche Beziehung zu Russland waren zunächst die Hauptkatalysatoren für steigende Verteidigungsinvestitionen. Der Ukraine-Krieg habe gezeigt, wie abhängig die westlichen Länder von chinesischen und russischen Rohstoffen seien, so einer der Befragten. Sollte sich die Beziehung zu China verschlechtern oder ein regionaler Konflikt in Asien ausbrechen, könnte dies die Handelswege stören und die Produktion beeinträchtigen. Fragil ist die Lage beispielsweise in Myanmar, zwischen Thailand und Kambodscha oder auch im Hinblick auf Taiwan. |
| Phantom-Ausgaben für Verteidigung | Infolge der Corona-Pandemie haben Regierungen hohe Staatsschulden angehäuft. Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland stehen dadurch vor erheblichen fiskalpolitischen Herausforderungen. Zugleich sind langfristige Investitionen der Regierungen erforderlich, um die bereits ausgelasteten Produktionskapazitäten zu erhöhen. Es besteht das Risiko, dass die Aufträge trotz Zusagen ausbleiben. Insbesondere der Ausbau europäischer Produktionsanlagen würde teilweise Jahrzehnte dauern. „In Anbetracht der dynamischen politischen Entwicklungen stellen derartige Investitionen ein hohes finanzielles Risiko für Regierungen dar“, so Stawikowski. |
| Scheitern der Reindustrialisierung | Die USA betrachten den Wiederaufbau von industrieller Produktion in ihrem Land als sicherheitspolitisches Anliegen. Dieses treiben sie unter anderem durch die Erhebung von Zöllen voran. In anderen westlichen Staaten ist dieser Kurs jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden: Jahrzehnte der Privatisierung und Liberalisierung haben vielerorts zu geschwächten Industriestrukturen geführt. Auch bestehen Zweifel, ob neue Marktteilnehmer im Verteidigungssektor schnell wettbewerbsfähige industrielle Kapazitäten aufbauen können. |
Diese neuen wirtschaftlichen Risiken erfordern eine „passgenaue Absicherungsstrategie“, folgert WTW, dies nicht zuletzt angesichts hoher Investitionssummen und eng verzahnter, grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten.
Versicherungen gegen Enteignung, Vertragsbruch oder Lieferkettenunterbrechungen seien „zentrale Instrumente“, um im Notfall weiterhin geschäftsfähig zu bleiben.
Stawikowski: „So machen Unternehmen auch unter den volatilen Rahmenbedingungen Risiken beherrschbar und sichern ihre Existenz.“
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