(Un-)Wetterwandel: Mehr Gewitterneigung, mehr Dürre

23.6.2020 – Nicht nur, aber besonders die Landwirtschaft leidet unter Unwettern. ZAMG-Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die Gewittersaison ausdehnt und die Gewitteranfälligkeit seit 2000 gestiegen ist. Andererseits könnte sich Österreich in einer mehrjährigen Dürrephase befinden – verstärkt vom Klimawandel. 2020 habe es in Österreich bisher um ein Fünftel zu wenig Niederschlag gegeben. Die Landwirtschaftskammer rechnet heuer mit 6,2 Prozent weniger Getreideernte, dies nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund von Corona.

Vor rund zwei Wochen berichtete die Österreichische Hagelversicherung VVaG über die ersten schweren Unwetterschäden des Jahres in der Landwirtschaft. Ausmaß: zirka vier Millionen Euro (VersicherungsJournal 9.6.2020).

Vor etwa einer Woche meldete sie abermals Unwetterschäden, nämlich am 14. Juni im Osten und Südosten der Steiermark. Auf rund 2.500 Hektar habe es Schäden an Acker-, Obst- und Gemüsekulturen in Höhe von rund 800.000 Euro gegeben.

Erst am Wochenende ist es wieder zu schweren Regenfällen gekommen. Der ORF berichtet von 150 Feuerwehren, die in Niederösterreich 450 Einsätze wegen Überflutungen zu bewältigen hatten.

Seit 2000 mehr gewitteranfällige Wetterlagen

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geologie (ZAMG) teilte vor wenigen Tagen in einem Online-Artikel mit, dass vorläufige Ergebnisse einer Untersuchung „eine Zunahme des Unwetterrisikos sowie einen Einfluss des Niederschlags im Frühling auf die Gewittersaison im Sommer“ zeigen.

In den 1980er- und 90er-Jahren sei die Anzahl der Wetterlagen mit Unwetterpotenzial in Europa relativ ähnlich gewesen. Seit den 2000ern sei jedoch „ein deutlicher Anstieg um 30 bis 50 Prozent erkennbar“, vor allem im Süden und Osten Europas.

In Österreich liege die Zunahme des Gewitterpotenzials seit den 2000ern bei etwa 20 Prozent. „Dabei muss man beachten: Das entspricht nicht einer Zunahme von Gewittern. Denn nicht bei jeder gewitteranfälligen Wetterlage werden auch tatsächlich Gewitter ausgelöst.“

Ausdehnung der Gewittersaison

In Österreich dehne sich wegen zunehmender Erwärmung die Gewittersaison in Richtung Frühling und Herbst aus. Im Hochsommer könnte eine Zunahme von stabilen subtropischen Hochdruckgebieten die Gewittertätigkeit etwas dämpfen.

„In den ‚mediterran‘ geprägten Sommern dürften Gewitter seltener werden“, sagt ZAMG-Experte Georg Pistotnik. „In den dazwischen eingestreuten Sommern mit erhöhter Tiefdruckneigung bleiben Gewitter hingegen häufig und können auch weiter erhöhte Niederschlagsintensitäten und Unwetter bringen.“

Auf der anderen Seite Trockenheit

Es ist aber nicht nur ein Zuviel an Wasser, das Schaden verursacht – andernorts fehlt es. Die Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ) ließ am Montag in einer Aussendung wissen, der Regen mit für das Pflanzenwachstum günstigen moderaten Temperaturen sei heuer um ein paar Wochen später als 2019 eingetroffen.

„Somit war es für manche Getreideflächen schon zu spät. Die Folgen sind in einigen Gebieten Österreichs stark vertrocknete Kulturen“, stellt die LKÖ fest. Betroffen seien vor allem der Osten Niederösterreichs und das Burgenland.

Voraussichtlich um 6,2 Prozent weniger Getreideernte als 2019

„Die österreichische Getreideernte wird heuer wegen einer leichten Flächenreduktion und niedrigerer Ertragserwartungen voraussichtlich um 6,2 Prozent geringer ausfallen als 2019“, prognostiziert Nikolaus Berlakovich, Obmann des LKÖ-Ausschusses für Pflanzenproduktion.

Dabei gebe es regional große Unterschiede. „Im Osten kam der Regen zu spät – hingegen wird im Westen und Süden mit guten Erträgen gerechnet.“

Das Erntejahr 2020 stelle dabei „generell eine gewaltige Herausforderung“ dar: Mit dem Corona-Lockdown begannen gerade die Frühjahrsarbeiten auf den bäuerlichen Betrieben, gibt Berlakovich zu bedenken.

„Klimawandel erhöht den Druck“

Der Klimawandel erhöhe den Druck auf die Landwirtschaft: So fördere tagsüber herrschende Wärme im Frühjahr ein frühes Pflanzenwachstum. Berlakovich: „Seit einigen Jahren beobachten wir, dass sich der Beginn der Vegetationszeit nach vorne verschiebt. Das verstärkt das Risiko für Spätfröste, was bis zu Totalausfällen führt.“

Ebenso fördere die Trockenheit ein „massenhaftes Auftreten“ beispielsweise von Rübenderbrüssler, Erdfloh oder Blattläusen, die den zu warmen und zu trockenen Winter unbeschadet überstanden haben.

Möglicherweise in einer Dürrephase

Auch zum Thema Dürre ist kürzlich eine neue Studie erstellt worden, wie die ZAMG auf ihrer Website schreibt. In dem Projekt wurden Dürreperioden der letzten 210 Jahre im Alpenraum untersucht.

„Längere markante Dürreperioden, die einige Jahre anhalten können, kommen im Alpenraum mit einem Abstand von einigen Jahrzehnten vor, wie in den 1860- und in den 1940er-Jahren. In Folge der Dürre der 1860er-Jahre trocknete beispielsweise der Neusiedlersee zum letzten Mal fast vollständig aus.“

Seit Beginn der 2000er-Jahre werde ein Mangel an Niederschlag in vielen Regionen Österreichs beobachtet – auch dies könnte zu einer langfristigen Dürreperiode gehören, so die ZAMG. 2020 habe es bisher österreichweit insgesamt um rund 20 Prozent zu wenig Niederschlag gegeben, im Süden und Osten stellenweise um rund 40 bis 70 Prozent zu wenig.

Sommerdürren: Klimawandel als Verstärker

Dürre im Sommerhalbjahr werde neben Mangel an Niederschlag auch durch überdurchschnittlich hohe Temperaturen verursacht. Die Klimaerwärmung spiele deshalb eine wichtige Rolle bei Dürren im Alpenraum.

ZAMG-Klimaforscher Klaus Haslinger beschreibt in dem Beitrag zwei Auswirkungen der Erderwärmung.

„Erstens: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen und desto mehr Wasser verdunstet daher aus den Böden. Zweitens dauert in einem wärmeren Klima die Vegetationsperiode länger. Die Pflanzen beginnen im Frühling früher auszutreiben und gehen später in die Winterruhe über. Daher entnehmen sie den Böden über einen deutlich längeren Zeitraum Wasser.“

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