Verbände: „Unerwünschte Folgen“ der Regulierung spürbar

19.2.2019 – Der Anstieg an Menge und Komplexität regulatorischer Vorgaben hat sowohl (vor allem kleinere) Versicherer als auch Mitarbeiter stark unter Druck gesetzt, kritisieren vier Branchenverbände. Stress für Beschäftigte sei ebenso wie Informationsüberfluss auch für die Kunden nachteilig. Die Verbände fordern eine Einbeziehung der Branche in die Gesetzgebung, genug Zeit für die Umsetzung neuer Regeln und eine Minimierung der Komplexität.

Gemeinsame Stellungnahme (Ausschnitt/Screenshot)
Gemeinsame Stellungnahme von Uni Global
Union, Insurance Europe, Amice und Bipar
(Ausschnitt/Screenshot)

Die Überarbeitung der europäischen Finanzgesetzgebung in Folge der Finanzkrise war in vielerlei Hinsicht nötig und von guten Absichten getragen – allerdings zeitigen die neuen Regularien, nachdem sie nun zu greifen begonnen haben, eine Reihe nachteiliger Effekte.

Das ist der Grundtenor einer „Gemeinsamen Stellungnahme der europäischen Sozialpartner im Versicherungssektor zu den Auswirkungen von regulatorischen Erfordernissen und Compliance auf Beschäftigte“.

Unterzeichner sind der Versicherungsverband Insurance Europe, der Verband der wechselseitigen Versicherer und Versicherungsvereine (Amice), der Versicherungsvermittler-Verband Bipar und die Arbeitnehmervertretung Uni Global Union Europa Finance.

Zu viel Information

Für Amice-Generalsekretärin Sarah Goddard ist es „fraglich“, ob die Summe der neuen Regelungen einen entsprechenden Nutzen für Konsumentenschutz und Marktstabilität bringen, besonders wenn man „die unverhältnismäßige Belastung für kleinere Versicherer“ betrachte.

Zum einen bezieht sich die Kritik der Verbände in der Stellungnahme denn auch auf Aspekte der Konsumentenschutzpolitik. Hier wiederholen sie zwei Argumente, die schon in den vergangenen Jahren thematisiert worden waren:

  • Die Offenlegung ausgedehnter und technischer Informationen gegenüber dem Kunden sei „kontraproduktiv“ für dessen Fähigkeit, beim Vergleich und Kauf angemessene Entscheidungen zu treffen.
  • Die Kunden mit ebensolchen Informationen zu „überladen“, könne diese verwirren. Das könne die Entscheidungsfindung erschweren und letztlich zu Unzufriedenheit und Beschwerden führen.

Beschäftigte unter Druck

Zum anderen ist in der Stellungnahme von Folgen der Regulierung für das Wohlbefinden von Beschäftigten im Finanzsektor die Rede.

Der Druck, „so weitreichende und komplizierte regulatorische Anforderungen zu verstehen und zu implementieren“, habe die Betroffenen stark strapaziert, kommentiert Goddard. „Wir haben eine Verantwortung, sicherzustellen, dass alle Beschäftigten vor übermäßigem Stress geschützt werden.“

Die Verbände stellen drei Punkte in den Vordergrund:

  • Die „signifikante“ Vermehrung regulatorischer Erfordernisse habe zu einem „substanziellen Anstieg“ der Arbeitsbelastung und des Stressniveaus geführt. Den Beschäftigten müsse genug Zeit für die Umsetzung neuer Regeln gegeben werden.
  • Das Verfahren der Gesetzgebung im Finanzbereich setze die Unternehmen unter Zeitdruck – die Implementierung neuer Vorschriften und die in diesem Zusammenhang nötige Ausbildung der Mitarbeiter erfordere aber Zeit. Die Stellungnahme erinnert daran, dass die letzten Durchführungsregeln für die Versicherungsvertriebs-Richtlinie (IDD) erst spät vorlagen und die Anwendung der IDD am Ende noch verschoben werden musste.
  • Nicht zuletzt hätten diese „negativen Effekte“ auch „unverhältnismäßige Auswirkungen“ auf kleine und mittlere Unternehmen; für sie stelle „ständiger regulatorischer Wandel“ eine starke Belastung dar.

„Unbeabsichtigte und unerwünschte Konsequenzen“

Es zeige sich, dass der Blickwinkel von Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Gesetzgebungsprozess fehle, was „unbeabsichtigte und unerwünschte Konsequenzen für Beschäftigte, Arbeitgeber und Kunden“ verursache, wie es in der Stellungnahme weiter heißt.

Die Verbände leiten daraus den Wunsch ab, dass die Sozialpartner der Versicherungsbranche in den „gesamten Gesetzgebungsprozess“ eingebunden werden, sowohl auf nationaler wie auch auf EU-Ebene.

„Exzessive Komplexität“ in der Gesetzgebung solle vermieden und den Unternehmen ausreichend Zeit für die Umsetzung sowie die Ausbildung der Mitarbeiter eingeräumt werden.

Die Regulierung müsse sich bemühen, die administrative Belastung für Arbeitgeber und Beschäftigte zu minimieren, „wovon auch die Kunden profitieren würden“.

Zum Herunterladen

Die Stellungnahme kann als PDF-Dokument (140 KB, englisch) von der Amice-Website heruntergeladen werden.

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Schlagwörter zu diesem Artikel
Ausbildung · IDD · Mitarbeiter · Vermittlerrichtlinie · Versicherungsvermittler · Versicherungsvertrieb
 
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