Versicherer fordern: „Versicherungsgeschäft“ umdefinieren

21.9.2020 – Der Branchenverband Insurance Europe fordert angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und einer Verbreiterung des Spektrums der Marktteilnehmer, auf faire Wettbewerbsbedingungen zu achten und Marktverzerrungen hintanzuhalten. Um gegenüber neuen Anbietern nicht ins Hintertreffen zu geraten, sollen digitalbezogene Aktivitäten künftig rechtlich als integraler Bestandteil des Kerngeschäfts angesehen werden, fordert der Verband.

Positionspapier zur Digitalisierung (Screenshot)
Positionspapier zur Digitalisierung
(Screenshot)

Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa hatte im Juni eine Konsultation gestartet. Thema: die Wertschöpfungskette in der (Rück-)Versicherung und Geschäftsmodelle, die sich aus der Digitalisierung ergeben

Der europäische Versicherer-Verband Insurance Europe hat dazu eine Stellungnahme abgegeben und mahnt bei der Gelegenheit ein „level playing field“ für neue Marktteilnehmer und Geschäftsmodelle ein.

Zunehmende Digitalisierung bedeute nämlich, dass die Vielfalt der Anbieter und Akteure im Versicherungssektor voraussichtlich ebenfalls zunehmen wird. Tatsächlich bestünden bereits Partnerschaften und Kooperationen, stellt der Verband fest.

Für neue Akteure sollen gleiche Regeln gelten

Nichtsdestoweniger werde es in einem bunter werdenden Markt noch mehr darauf ankommen, Fairness im Wettbewerb zu gewährleisten.

Ein möglicher Vorteil von Plattformen und Ökosysteme sei, dass sie neue Zugänge zur Versicherung schaffen und helfen können, die „Versicherungslücke“ zu verkleinern. Das signifikanteste Risiko sei andererseits die Möglichkeit von Marktverzerrungen.

Der regulatorische Rahmen biete Kunden so lange effektiven Schutz, wie auch für Markteinsteiger das Prinzip „selbe Aktivitäten, selbe Risiken, selbe Regeln“ angewandt werde.

Denn auch wenn schwer abzusehen sei, wie weit die Fragmentierung der Wertschöpfungskette geht oder wie wichtig Versicherungsvertrieb über Plattformen oder digitale Ökosysteme werden wird: Die „digitale Transformation“ des Versicherungsmarktes hat aus Sicht des Verbandes das Potenzial, alle Teile der Wertschöpfungskette „substanziell“ zu beeinflussen.

Digitalbezogene Aktivitäten als Teil des Kerngeschäfts ansehen

Im Übrigen stünden Versicherer vor Schranken und Restriktionen, wenn sie „innovative Digitalstrategien“ implementieren wollen, sagt Insurance Europe; so könnten unter dem Eigenmittel- und Aufsichtsregelwerk Solvency II manche neuen digitalen Aktivitäten als „Nicht-Versicherungsgeschäft“ klassifiziert werden und folglich unzulässig sein.

Für den Verband läuft das dem Grundsatz eines level playing field zuwider und bringt Versicherern einen ungerechtfertigten Nachteil gegenüber anderen Akteuren der Digitalwirtschaft.

Insurance Europe plädiert deshalb dafür, die derzeitige Definition von „Versicherungsgeschäft“ in dem Sinne zu überdenken, dass neue Kooperationen und digitalbezogene Aktivitäten von Versicherern angekurbelt und als „integraler Bestandteil deren Kerngeschäfts“ betrachtet werden.

Potenzial für situationsabhängige Versicherung „begrenzt“

Auch zum Thema „On-demand“- oder „Kurzzeit“-Versicherung nimmt der Verband Stellung. Er sieht in solchen Modellen eine nützliche zusätzliche Option für Konsumenten, die in manchen Situationen „maßgeschneiderten“ Versicherungsschutz bieten könne.

Für viele Risiken, unter anderem etwa in der Biometrie, werden die Kunden allerdings auch in Zukunft „traditionelle“ dauerhafte Deckungen benötigen, so Insurance Europe. „Das begrenzt das Potenzial von ‚on-demand‘, situationsabhängiger Versicherungsdeckung.“

Versicherungen, deren Prämien teilweise nutzungsbasiert errechnet werden, solle man aber nicht automatisch als „On-demand“-Produkte einstufen. Bestimmte Kfz-Versicherungen zum Beispiel, die von Telematik Gebrauch machen, beinhalteten für gewöhnlich eine „normale“ Vertragsdauer und stellten für diese Zeit dauerhafte Deckung bereit.

Zum Herunterladen

Die vollständige Stellungnahme von Insurance Europe kann als PDF-Dokument (162 KB) von der Website des Verbandes heruntergeladen werden.

 
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