WEF-Report: Einschätzung der größten Risiken verschiebt sich

13.1.2022 – Vor allem Umwelt- und Klimarisiken dominieren den diesjährigen „Global Risks Report“ des Weltwirtschaftsforums. Ein Jahr zuvor beherrschten eher Risiken wie Infektionskrankheiten, Asset-Blasen, IT-Zwischenfälle oder auch Geopolitik die Umfrageergebnisse. Im Zuge der Pandemie an Gewicht gewonnen hat in der Wahrnehmung vieler Befragter insbesondere die Gefahr einer Erosion des sozialen Zusammenhalts. Ähnliches gilt für Lebenshaltungskrisen.

Der neue Bericht des Weltwirtschaftsforums zu globalen Risiken (Quelle: WEF)
Der Bericht des Weltwirtschaftsforums
zu globalen Risiken in seiner 17. Auflage
(Quelle: WEF)

Nach zwei Jahren Pandemie verschieben sich offenbar Risikowahrnehmungen – das legen zumindest Ergebnisse nahe, die das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) in seinem soeben erschienenen „Global Risks Report 2022“ veröffentlicht hat.

Die inzwischen 17. Auflage des Berichts ist neuerlich unter Mitwirkung des Risikomanagement-Dienstleisters Marsh & McLennan Companies und der Zurich Insurance Group sowie wissenschaftlicher Berater entstanden, auch der Mischkonzern SK Group war beteiligt.

Für den „Global Risks Perception Survey“ haben nahezu 1.000 Entscheidungsträger und Experten ihre Einschätzungen abgegeben. Befragt wurden sie vom 8. September bis 12. Oktober 2021.

37 Risiken

„Globales Risiko“ ist definiert als die Möglichkeit des Auftretens eines Ereignisses oder eines Zustandes, der signifikant negative Auswirkungen für mehrere Länder oder Industrien haben könnte. Wann werden nun nach Ansicht der Befragten welche Risiken zu einer kritischen Bedrohung für die Welt?

Die Anzahl der Risiken, die das WEF in seinem Bericht beleuchtet, ist abermals gewachsen: Nach 30 im vorletzten und 35 im letzten Bericht sind es jetzt 37; hinzugekommen sind „geoökonomische Konfrontationen“ and „Schäden an der menschlichen Gesundheit durch Umweltverschmutzung“.

Die Risiken nach Zeithorizont

Kurzfristig, also in einem Zeithorizont von bis zu zwei Jahren, standen im Vorjahresbericht noch Infektionskrankheiten mit 58 Prozent an der Spitze. Im aktuellen Bericht rutscht dieses Risiko auf 26,4 Prozent und damit Platz sechs zurück. Neues meistgenanntes Risiko sind Extremwetterereignisse. Ebenfalls zurückgefallen sind Cyberrisiken (Bericht 2021: 39 Prozent; 2022: 19,5 Prozent, Platz 7).

Mittelfristig – also auf eine Sicht von drei bis fünf Jahren – führen nun die Gefahr eines Scheiterns von Klimaschutzmaßnahmen und Extremwetterereignisse die Risikoliste an. Zuletzt waren Asset-Blasen und IT-Risiken im Vordergrund gestanden.

Langfristig, das heißt für eine Perspektive von fünf bis zehn Jahren, sind ebenfalls Klimaschutz und Extremwetter die vorrangigen Themen. Im Vorjahresbericht führten Massenvernichtungswaffen und geopolitische Risiken die Reihung an.

Wann werden welche Risiken zu einer kritischen Bedrohung für die Welt? (Top 5)

#

Bericht 2021

Bericht 2022

Kurzfristige Risiken (0–2 Jahre)

1.

Infektionskrankheiten
(58,0 %)

Extremwetterereignisse
(31,1 %)

2.

„Lebenshaltungskrisen“: Arbeitslosigkeit, niedrigere Einkommen, Verschlech-terungen im Arbeitsrecht etc. (55,1 %)

„Lebenshaltungskrisen“: Arbeitslosigkeit, niedrigere Einkommen, Verschlech-terungen im Arbeitsrecht etc. (30,4 %)

3.

Extremwetterereignisse
(52,7 %)

Scheitern von Klimaschutz-maßnahmen (27,5 %)

Erosion des sozialen Zusammenhalts (27,5 %)

4.

Versagen von Cybersicher-heitsmaßnahmen (39,0 %)

Infektionskrankheiten
(26,4 %)

5.

Digitale Ungleichheit (38,3 %)

Kein oder nur geringes Wirtschaftswachstum auf lange Sicht (38,3 %)

Verschlechterung der mentalen Gesundheit
(26,1 %)

Mittelfristige Risiken (3–5 Jahre)

1.

Platzen von Asset-Blasen, Entkoppelung von Invest-ments von der Realwirtschaft (53,3 %)

Beeinträchtigung oder Zusammenbruch von IT-Infrastruktur (53,3 %)

Scheitern von Klimaschutz-maßnahmen (35,7 %)

2.

Preisinstabilität (52,9 %)

Extremwetterereignisse
(34,6 %)

3.

Abrupte Schocks in der Verfügbarkeit und Nachfrage von Commoditys wie Energie, Nahrung, Metallen etc.
(52,7 %)

Erosion des sozialen Zusammenhalts (23,0 %)

4.

Schuldenkrisen (52,3 %)

„Lebenshaltungskrisen“: Arbeitslosigkeit, niedrigere Einkommen, Verschlech-terungen im Arbeitsrecht etc. (20,1 %)

5.

Zwischenstaatliche Konflikte mit globalen Folgen (50,7 %)

Schuldenkrisen (19,0 %)

Langfristige Risiken (5–10 Jahre)

1.

Massenvernichtungswaffen (62,7 %)

Scheitern von Klimaschutz-maßnahmen (42,1 %)

2.

Kollaps eines Staats mit globaler geopolitischer Bedeutung (51,8 %)

Extremwetterereignisse
(32,4 %)

3.

Verlust an Biodiversität/Arten-vielfalt, Ökosystemkollaps (51,2 %)

Verlust an Biodiversität/Arten-vielfalt, Ökosystemkollaps (27,0 %)

4.

Nachteilige technologische Entwicklungen, ob beab-sichtigt oder unbeabsichtigt (50,2 %)

Krisen in Bezug auf natürliche Ressourcen (23,0 %)

5.

Krisen in Bezug auf natürliche Ressourcen (43,9 %)

Verlust an Menschenleben, Vermögen und/oder Schäden an Ökosystemen aufgrund menschlicher Aktivitäten/Ein-griffe (21,7 %)

Risiken, die sich seit Pandemiebeginn verschärft haben

Die „Rückstufung“ von Infektionskrankheiten mag verwundern – wobei anzumerken ist, dass der Umfragezeitraum noch mehrere Wochen vor dem Auftreten der Omikron-Variante lag.

Dennoch spiegelt die diesjährige Tabelle bis zu einem gewissen Grad die Pandemie wider. Denn der „Aufstieg“ des Risikos, dass der soziale Zusammenhalt bröckelt, geht mit einer anderen Beobachtung einher.

Gefragt wurde nämlich auch, welche drei der 37 Risiken sich nach Meinung der Befragten seit Beginn der Pandemie am meisten verschärft haben – und hier liegt jenes einer Erosion der sozialen Kohäsion mit 27,8 Prozent ganz vorne.

Gleich danach folgt das Risiko von „Lebenshaltungskrisen“ (25,5 Prozent), bei dem es etwa um Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste geht. Auf den nächsten Rängen befinden sich das Risiko eines Klimaschutzversagens (25,4 Prozent) sowie einer Verschlechterung der mentalen Gesundheit (23,0 Prozent).

Zehnjahreseinschätzung: Risiken mit den schwersten Folgen

Die Teilnehmer konnten außerdem neun der 37 Risiken auswählen, von denen sie glauben, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre die schwersten Auswirkungen nach sich zögen. Diese neun konnten sie wiederum nach dem vermuteten Schweregrad sortieren.

Das Ergebnis: Wieder stehen Umweltbelange an vorderster Stelle. Ein Scheitern der Maßnahmen zum Klimaschutz wird demnach als schwerwiegendstes Risiko beurteilt. Extremwetterereignisse und der Verlust an Biodiversität folgen auf den Plätzen zwei und drei, Infektionskrankheiten erst auf Platz sechs.

Die schwerwiegendsten Risiken der nächsten zehn Jahre auf globaler Ebene

#

Risiko

#

Risiko

1.

Scheitern von Klimaschutzmaßnahmen

6.

Infektionskrankheiten

2.

Extremwetterereignisse

7.

Von Menschen verursachte Umweltschäden

3.

Verlust an Biodiversität/Artenvielfalt

8.

Krisen in Bezug auf natürlich Ressourcen

4.

Erosion des sozialen Zusammenhalts

9.

Schuldenkrisen

5.

Lebenshaltungskrisen

10.

Geoökonomische Konfrontation

Top-fünf-Kurzfristrisiken auf Länderebene

Abseits der globalen Risiken haben über 12.000 Entscheidungsträger auf lokaler Ebene die Frage beantwortet, welche fünf aus einer Liste von 35 Risiken ihrer Meinung nach in den kommenden zwei Jahren eine „kritische Bedrohung“ für ihr Land darstellen. Hier liegen für 124 Länder Ergebnisse vor.

In der Reihung für Österreich belegt das Scheitern von Klimaschutzmaßnahmen den ersten Platz, gefolgt vom Risiko einer Erosion des sozialen Zusammenhalts.

An dritter Stelle folgen Schuldenkrisen in großen Märkten, an vierter eine Konzentration digitaler Macht bei einer verringerten Anzahl von Personen, Unternehmen oder Staaten.

Den fünften Platz teilen sich zwei Risiken: anhaltende wirtschaftliche Stagnation und Extremwetterereignisse.

Zum Herunterladen

Der „Global Risks Report 2022“ kann von einer Webseite des Weltwirtschaftsforums als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Arbeitsrecht · Gesundheitsreform · Marktforschung
 
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