Wenn Versicherung zur Frage der Partnerwahl wird

19.9.2019 – Versichern im Ökosystem, die künftige Rolle von Insurtechs und digitalen Assistenten, ein US-Insurtech, das seit kurzem in Deutschland tätig ist und bald auch in Österreich Fuß fassen will – das waren am Mittwoch einige der Themen beim „Insurance Innovation Day“ in Wien.

Diese Woche lädt die Insurance Factory wieder zum „Insurance Innovation Day“ nach Wien – eigentlich „Days“, denn das international angelegte Forum für Vorträge, Diskussionen und Gespräche rund um die Zukunft der Versicherung erstreckt sich über zwei Tage.

Digitale Assistenten immer mit von der Partie

Rob Galbraith, Director Innovation bei der US-amerikanischen AF Group und Autor des Buchs „The End Of Insurance As We Know it“, meinte in seinem Referat am Mittwoch, viele verstünden nicht, in welchem Ausmaß „künstliche Intelligenz“ (KI) einen Wandel herbeiführen wird.

Als ein Beispiel für diesen grundlegenden Wandel nannte er den „Umstieg“ von Straßenkarten auf Papier zur Navigationsapp auf dem Smartphone. Vielfach sei KI also auch schon „angenommen“ worden, ohne dass man sich dessen unmittelbar bewusst sei.

Galbraith führte zudem die Generationenfrage ins Treffen. Er selbst sei auch „interaktiv“ unterwegs, die junge Generation habe zu Alexa, Siri & Co. aber noch einen anderen Zugang, geradezu eine „Beziehung“, in der regelrecht mit den digitalen Assistenten über verschiedenste Themen kommuniziert werde.

Einsatzgebiete künstlicher Intelligenz

Zu den Implikationen der KI-Welt gehörten Datensammlung, Telematik, Internet der Dinge – und die Möglichkeiten, künstliche Intelligenz einzusetzen, zögen sich durch die gesamte Wertschöpfungskette, sagt Galbraith.

Mittels „Gamification“ könne etwa das Fahrverhalten positiv beeinflusst werden – wohlgemerkt das Verhalten und nicht unbedingt die Prämie. Da können Bonuspunkte zum Einsatz kommen oder auch ein Wettbewerbselement, ähnlich wie man sich bei einer Schrittzähler-App mit der Leistung anderer messen kann.

Ein anderes Einsatzgebiet wäre zum Beispiel die Verknüpfung von Wettervorhersagen mit einer Schadenprognose – sodass man sich schon auf entsprechende Schadenmeldungen einstellen kann, bevor überhaupt Schäden passiert sind.

Galbraiths Fazit: Wir leben in einer Welt der big data, aber wir brauchen künstliche Intelligenz, um diese Daten zu verarbeiten.

Erfahrungswerte aus Nordamerika

Philipp Wassenberg ist seit April 2019 Vorstandsvorsitzender der Ergo Versicherung AG und CEO der Ergo Austria International AG. Zuvor war er mehrere Jahre lang im Nordamerika-Geschäft der Munich Re tätig.

In Nordamerika seien in puncto Insurtechs Kfz und – angesichts der Gestaltung des US-Krankenversicherungssystems – Gesundheit zwei Bereiche von besonderer Relevanz. Haushalt sei vor dem Hintergrund der „Smart Homes“ ein aufstrebender Faktor.

Nordamerika sei Heimat einer Vielzahl von Insurtech-Startups. Ein bekannter amerikanischer Name ist das 2015/16 entstandene „Lemonade“, ein New Yorker Insurtech, das mit Schnelligkeit und einem Abschluss per App oder Website wirbt.

Lemonade jetzt auch in Europa

Bis vor kurzem war Lemonade nur in den USA tätig, dort in etwa der Hälfte der Bundesstaaten. Erst vor kurzem, Mitte 2019, folgte der Schritt ins Ausland. Ausgesucht hat man sich dafür Deutschland, wo Lemonade seither Haushalts- und Privathaftpflichtversicherungen vertreibt; der Europa-Sitz des Unternehmens befindet sich in Amsterdam.

Wassenberg rechnet damit, dass Lemonade innerhalb einiger Monate auch auf den österreichischen Markt kommen wird. Angekündigt hat Lemonade die Expansion nach Österreich auf seiner Website jedenfalls schon. Dort ist zu lesen, das Angebot werde „in Kürze“ in Österreich und anderen europäischen Ländern verfügbar sein.

Wassenberg erwähnte außerdem das in San Francisco ansässige und auf die Kfz-Versicherung spezialisierte Insurtech Metromile, das – neben einer Basisgebühr – nach dem Prinzip „Du zahlst nur, wenn es gerade etwas zu versichern gibt“ arbeite. Sprich: Prämie wird nur gezahlt, wenn das Auto gerade genutzt wird.

Dieses Modell einer „Per use“-Versicherung sei für die sogenannten Millennials, also die junge Generation, ein durchaus üblicher Zugang. Wassenberg hegt an dem Konzept allerdings mit Blick auf die Risikodiversifikation Zweifel.

Ökosysteme und Partnerwahl

Rückblickend sei die „erste Welle“ der Insurtechs von dem Gedanken getragen gewesen, dass sie „die ganze Wertschöpfungskette“ besser abbilden könnten als die traditionelle Versicherungswirtschaft. In der zweiten Welle sei dieser Anspruch auf jeweils einzelne „Teile der Kette“ reduziert worden.

Die dritte Welle sei jene der „Ökosystem“-Player – die überhaupt einen anderen Weg geht. Die Idee ist, prinzipiell alle Aspekte im Leben des Kunden im Auge zu haben, um ihm selbiges zu erleichtern – und Versicherungen sind nur ein Teil davon, wie Wassenberg sagte.

Er sprach dabei von einer „Fragmentierung der Wertschöpfungskette“, die sich unter anderem auf Marketing, Underwriting, Vertrieb etc. aufspalten lässt. Hier jeweils mit dem richtigen Insurtech bzw. Startup zu kooperieren, könne dem Erfolg förderlich sein.

Große Versicherungsunternehmen hätten jedenfalls bereits begonnen, mit Insurtechs Partnerschaften einzugehen – um zu verhindern, dass sie anderenfalls über kurz oder lang „aus dem Spiel“ sind.

 
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