Wie stark der Brexit Österreichs Versicherer trifft

29.11.2018 – Das österreichisch-britische Handelsvolumen sei überschaubar, folglich auch die direkten Auswirkungen des Brexits auf Österreich, heißt es seitens der FMA. Zugleich warnt sie aber vor indirekten und Zweitrunden-Effekten und insbesondere vor den Folgen eines harten Brexits. In Österreich seien neun Versicherer vom Brexit betroffen, alle verfügen laut FMA über Notfallpläne. Das Volumen im Bereich Versicherung und Alterssicherung sei aber ohnehin gering.

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Noch ist völlig unklar, welchen weiteren Verlauf der Brexit-Prozess nehmen und wie er ausgehen wird. Am 11. Dezember wird es im britischen Parlament dazu eine entscheidende Abstimmung geben.

Klar ist aber schon jetzt: Wenn Großbritannien in rund 17 Wochen die Gemeinschaft verlässt, wird das drittbevölkerungsreichste und, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nach Deutschland zweitgrößte Land der Union ausscheiden.

Das BIP der EU war im vergangenen Jahr 15.373,6 Milliarden Euro schwer. Das Vereinigte Königreich war daran mit 2.332,1 Milliarden Euro beteiligt. Österreichs Anteil am EU-BIP betrug 369,9 Milliarden Euro.

Eng mit dem Kontinent verflochten

Welche enge Verflechtung hier gerade zertrennt wird, illustriert die Finanzmarktaufsicht (FMA) in ihrem am Mittwoch vorgestellten Bericht „Fakten, Trends und Strategien 2019“.

Demnach gingen 2017 rund 46 Prozent der britischen Exporte in die EU, und 53 Prozent aller britischen Importe stammten aus der EU, stellt die FMA unter Berufung auf Eurostat-Daten fest.

„Eine besondere Herausforderung wird der Brexit aber für die Finanzwirtschaft, da die City of London unbestritten nach wie vor der bedeutendste Finanzplatz Europas ist: 60 Prozent des EU-weiten Kapitalmarktgeschäfts werden dort abgewickelt, 40 Prozent aller europäischen Vermögenswerte dort verwaltet“, so der Bericht weiter.

Bindung zwischen Österreich und Großbritannien weniger stark

FMA-Bericht Fakten, Trend, Strategien 2019 (Cover; Quelle: FMA)
Der neue FMA-Bericht (Cover)

Soweit es Österreich betrifft, sind die wechselseitigen Bande dennoch eher schwach: Die Summe der Einnahmen und Ausgaben im Handel zwischen Österreich und Großbritannien betrug laut FMA, wieder auf Basis von Eurostat-Zahlen, zuletzt rund 11 Milliarden Euro oder etwa 2,8 Prozent des gesamten österreichischen Außenhandels.

Der überwiegende Teil davon entfiel auf Güter. Den Dienstleistungen sind 4,4 Milliarden Euro – oder vier Prozent des gesamten grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehrs Österreichs – zuzuordnen.

„Eine sektorale Betrachtung des österreichischen Dienstleistungshandels mit Großbritannien zeigt, dass Finanzdienstleistungen mit 246 Mio. Euro zwar die fünftgrößte Kategorie darstellen, das absolute Volumen aber überschaubar ist“, schreibt die FMA in ihrem Bericht.

Versicherungen spielen eine noch kleinere Rolle. „Die Kategorie Versicherungs- und Alterssicherungsleistungen lag mit 127 Mio. Euro (Einnahmen: 8 Millionen Euro, Ausgaben: 119 Millionen Euro; Anm.d.Red.) an siebenter Stelle“, hinter deutlich größeren Kategorien wie etwa Reiseverkehr oder Transport.

FMA sieht „überschaubare“ Auswirkungen auf Österreich

Insgesamt kommt die FMA damit zwar zu dem Schluss, dass die direkten Auswirkungen eines britischen EU-Austritts auf Österreichs Wirtschaft „aufgrund der untergeordneten Bedeutung des bilateralen Waren- und Dienstleistungsverkehrs“ letztlich „überschaubar“ seien.

Nichtsdestoweniger plädiert die Aufsichtsbehörde aber für ein „möglichst gemeinsames Vorgehen Europas“ angesichts der „gesamteuropäischen Herausforderung“ und ebenso für Prävention, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Denn sie warnt zugleich vor indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekten: Diese könnten „gravierende Risiken bergen“. Ein ungeregelter Ausstieg trage überhaupt die Gefahr unkontrollierbarer „Klippeneffekte“ in sich, „die ganze Geschäftsfelder in unberechenbare Ungewissheit stürzen“.

Vorzugsweise nach Deutschland, Frankreich, Irland, Luxemburg

Ein harter Brexit würde nämlich bedeuten, dass für das Anbieten von Finanzdienstleistungen eine eigene Zweigniederlassung mit entsprechender Konzession nötig wird, betont die FMA.

Es zeige sich inzwischen ein „klarer Trend“, dass Konzessionierungen in der EU insbesondere in Deutschland, Frankreich, Irland und Luxemburg erfolgen, teilt die Behörde mit.

Herausforderung Vor-Brexit-Verträge

Eine besondere Herausforderung ergebe sich bei Verträgen, die noch vor dem Brexit abgeschlossen wurden.

„Diese bleiben grundsätzlich auch danach gültig, wenngleich sich die regulatorischen Voraussetzungen für die Erbringung der Finanzdienstleistungen durch den Brexit grundsätzlich verändern können“, heißt es von der FMA.

„So kann etwa die Erbringung der Finanzdienstleistung im Wege der Niederlassungsfreiheit oder Dienstleistungsfreiheit untersagt sein.“

Drei Viertel der betroffenen Versicherer haben Notfallpläne

Dem FMA-Bericht zufolge hatten im Juni – laut Erhebung der europäischen Versicherungsaufsicht (Eiopa) – 72 Prozent (das sind 353 Unternehmen) der Versicherer mit grenzüberschreitender Tätigkeit zwischen Großbritannien und der EU Notfallpläne entwickelt, um sich für das Ausscheiden der Briten zu wappnen.

Die restlichen 28 Prozent seien Unternehmen, die nur einen sehr geringen Marktanteil am grenzüberschreitenden Geschäft haben.

„Etwas skeptischer gaben sich die Unternehmen bei der Frage, ob alle Notfallmaßnahmen auch rechtzeitig umgesetzt werden können: Nur 53 Prozent waren davon überzeugt, aber auch nur 2,2 Prozent hielten dies für gänzlich unrealistisch“, so der Bericht.

Heterogener Maßnahmen-Mix

Notfallplan-Maßnahmen der Versicherer für den Brexit (Daten: FMA/Eiopa, Grafik: Lampert)
Zum Vergrößern Grafik anklicken.

Die in den jeweiligen Notfallplänen festgelegten Maßnahmen für den Umgang mit bestehenden Versicherungsverträgen seien „durchaus heterogen“.

Zu den häufiger gewählten Optionen zählen die Bestandsübertragung auf ein anderes Versicherungsunternehmen (20 Prozent) und Zweigniederlassungen (19 Prozent). Ein Zehntel will die Verträge im Falle eines harten Brexits einfach beenden.

Österreich: neun Versicherer betroffen

Aus Österreich sind nach Angaben der FMA lediglich neun Versicherer in den Bereichen Lebens- und Schaden-/Unfallversicherung betroffen, „wobei das Prämienvolumen von insgesamt rund 9 Mio. Euro (2016) kaum gravierende Probleme bereiten wird“.

EU-weit belaufe sich das betroffene Prämienvolumen auf mehr als 26,5 Milliarden Euro, verdeutlicht die Behörde die Größenordnung.

Alle österreichischen Versicherer mit Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich haben laut FMA entsprechende Notfallpläne erstellt.

„Die Bandbreite der vorgesehenen Maßnahmen ist dabei zwar groß, der Schwerpunkt liegt aber eindeutig beim Verzicht auf Neugeschäft und Bestandsübertragung bei bestehenden Verträgen. Alle gehen überdies davon aus, die geplanten Maßnahmen rechtzeitig umsetzen zu können.“

Zum Herunterladen

Der Bericht „Fakten, Trends und Strategien 2019“ kann als PDF-Dokument von der Website der FMA heruntergeladen werden.

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Strategie · Versicherungsaufsicht
 
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