„Zertrümmerung jeder kapitalgedeckten Altersvorsorge“

20.11.2019 – Der Niedrigzins bleibt, ein „Durchtauchen“ wird nicht mehr gehen, glaubt Erste-Bank-Vorstand Peter Bosek. Er fordert die Abschaffung der KESt und würde ähnliches für die Versicherungssteuer andenken. Wiener-Städtische-Chef Robert Lasshofer zeigt sich von der Zinspolitik desillusioniert und erachtet „kapitalmarktnahe Produkte“ als eine Alternative angesichts eines „Japan-Szenarios“. Versicherungsmakler Rudolf Mittendorfer spricht von einer „fortschreitenden Entreicherung“ durch Zinspolitik und Inflation. Die Politik sehen alle drei in der Pflicht.

Aus dem Blickwinkel der Vorsorge sei die seit Jahren gefahrene Niedrig- bis Nullzinspolitik „finanzieller Vandalismus“, fand Robert Lasshofer, Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung AG, am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion des Finanzjournalistenforums (FJF) im Wiener Ringturm deutliche Worte.

Die Vorsorgelücken würden für die nachfolgenden Generationen nicht geringer, prognostizierte er mit Verweis auf die Pensionsreformen der vergangenen Jahre – Stichwort Durchrechnungszeitraum – und unregelmäßig gewordene Erwerbslebensläufe.

Diese Lücke „ruft nach privater Vorsorge“, die Geldpolitik mache das Schließen ebendieser Lücke aber nicht einfacher. „Spaß macht ’s nicht, sowohl auf Kunden- als auch Industrieseite.“ Alternative gebe es dennoch keine.

Klassische Sparprodukte heute schwer darstellbar

Peter Bosek, im Vorstand der Erste Group Bank AG für Retail Banking zuständig, „unterschrieb“ Lasshofers Aussagen. Kritisch sieht er die Entwicklung nicht zuletzt im Hinblick auf potenzielle Altersarmut.

Die klassische Lebensversicherung und die Sparprodukte, auf die die Bevölkerung bisher gesetzt habe, seien mittlerweile schwer darstellbar. Eine Summe von rund 260 Milliarden Euro befinde sich in Österreich derzeit in gering verzinsten Einlagen – aber so wichtig das Sparbuch auch sei: Für die Vorsorge eigne es sich nicht.

Bei vielen Assetklassen könne der Kunde keinen Kapitalertrag mehr lukrieren. Angesichts dessen findet es Bosek „absurd“, dass es immer noch eine Kapitalertragsteuer gebe. Ähnlich sieht er das hinsichtlich der Versicherungssteuer. Überhaupt: Das Geld sei ohnehin bereits versteuert worden.

Bosek sieht den klassischen „Sparefroh“, der einst ins Sparschwein investierte, folglich auf dem Weg zum Wertpapierdepot-Anleger – der am besten regelmäßig kleinere Beträge anspart.

„Zertrümmerung“ der kapitalgedeckten Vorsorge

Für Rudolf Mittendorfer, den Obmannstellvertreter und konsumentenschutzpolitischen Sprecher des Fachverbands der Versicherungsmakler, kommt die Zinspolitik einer „Zertrümmerung jeder kapitalgedeckten Altersvorsorge“ gleich, die „mit weitreichendsten Folgen, die man noch gar nicht alle sieht“, verbunden sei.

Auch auf mentaler Ebene zeitige dies immense Auswirkungen: „Die Bevölkerung wird so sozialisiert: Sparen bringt nichts, ein Kredit kostet nichts.“ Das werde schwieriger zu ändern sein als die Zinspolitik der Notenbank, glaubt Mittendorfer.

Geldvermögen „überwiegend vom Zinstief erfasst“

Diskussionsleiter und FJF-Initiator Martin Kwauka sagte, das in Österreich bestehende private Geldvermögen, das zur Jahresmitte um die 700 Milliarden Euro betrug (VersicherungsJournal 23.10.2019), sei überwiegend vom Zinstief erfasst.

Der Staat andererseits erspare sich durch das Zinstief jährlich etwa eine halbe Milliarde Euro an Zinsen. Die effektive Zinsbelastung des Bundes habe sich 2018 auf 4,803 Milliarden Euro belaufen und werde für 2019 auf 4,300 Milliarden Euro geschätzt. „Die absolute Höhe der Zinskosten ist heuer niedriger als 1995.“

Trotz Zinsersparnis weniger Förderung

Trotzdem nähere sich die staatliche Förderung der privaten Vorsorge dem Nullpunkt. Zur prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge habe dieser 2018 rund 35 Millionen Euro beigesteuert. Per Saldo waren es am Ende dennoch nur 5,6 Millionen Euro; Grund dafür sei die Retournierung staatlicher Prämien aufgrund vorzeitiger Vertragskündigung.

Kwauka erinnerte auch an das Auslaufen der Absetzmöglichkeit für private Personenversicherungen im Rahmen der „Topf-Sonderausgaben“. 2017 habe von zirka 390 Millionen Euro Topf-Sonderausgaben etwa ein Drittel die Altersvorsorge ausgemacht. Ab 2021 entfalle das komplett.

Wenn politisch nicht gehandelt werde, bleibe künftig kaum viel mehr als die Steuerbegünstigung für Einzahlungen in die betriebliche Vorsorge übrig.

Die angekündigte Steuerreform habe letztlich auch keine zusätzlichen Maßnahmen für betriebliche und private Vorsorge vorgesehen. Dabei, so Kwauka, könnte der Staat durch Vorsorgeanreize von einem volkswirtschaftlichen Vermögenszuwachs und damit einhergehend höheren Steuereinnahmen profitieren.

„Fortschreitende Entreicherung“

Mittendorfer hielt – unter Berufung auf Äußerungen von Markus Stix, dem Chef der Bundesfinanzierungsagentur, zu Jahresbeginn – fest, Österreich habe sich seit Lehman 2008 insgesamt 69 Milliarden Euro an Zinskosten erspart.

Dass sich diese Einsparungen in der Staatsschuldenentwicklung oder in der Förderung der Vorsorge gezeigt hätten, sei aber nicht erkennbar, „im Gegenteil“.

Stattdessen würden Versicherer durch die rechtlichen Rahmenbedingungen angehalten, in Anleihen – oder „Anleichen“, wie er zugespitzt formulierte – zu gehen, um Garantien darzustellen, obwohl es „eine Vielzahl von Möglichkeiten [gäbe], dieses Geld sinnvoll zu investieren“; der Sparer werde in eine Minusverzinsung gezwungen.

Das sei eine „Fehlentwicklung“ und vor dem Hintergrund der Inflation eine „fortschreitende Entreicherung“, wie Mittendorfer befand.

Politischer Handlungsbedarf

Ein „substanzieller Anteil“ der staatlichen Zinsersparnis müsste daher in die Vorsorgeförderung fließen, die Veranlagungsvorschriften geändert, die Pflege- in die Zukunftsvorsorge integriert werden, nannte er einige mögliche Ansätze.

Auch Lasshofer betrachtet es als „Gebot der Stunde“, dass die Politik „entsprechende Hebel“ liefert. Allerdings ortet er in puncto Altersvorsorge ähnlich viel politischen Willen wie in Sachen Naturkatastrophen-Versicherung – Lösungen für eine solche liegen seit Jahren in der Schublade.

„Wir sind in Japan angekommen“

„Wir sind in Japan angekommen“, lautet Boseks zusammenfassender Befund; Japan hat bereits ab Anfang der 1990er-Jahre Erfahrung mit langfristig niedrigen Zinsen gemacht (VersicherungsJournal 13.11.2019).

Bosek zieht daraus den Schluss, dass die Kunden darauf eingestellt werden müssen, dass die Niedrigzinsphase bleibe und ein „Durchtauchen“ nicht mehr gehe.

In Ländern wie Deutschland und Österreich herrsche beim Anlegen eine große Risikoadversion, es müsse aber politisch gelingen, den „europäischen Kapitalmarkt in Gang“ zu bringen und die Bevölkerung hier mitzuziehen.

Von der Zinspolitik desillusioniert

Lasshofer sprach in Sachen Zinspolitik von einem „Desillusionierungsprozess“, der inzwischen eingetreten sei. „Wir stellen uns auf ein japanisches Szenario ein.“

Um Sparern Ertragschancen in die Hand zu geben, werde es „kapitalmarktnahe Produkte, unter Nutzung des Cost-average-Effekts“ brauchen, kombiniert mit biometrischen Elementen wie etwa der Pflegevorsorge.

Er räumte aber ein, dass das eine „Herausforderung“ sein werde, da das Ansparen in kapitalmarktnahen Produkten hierzulande „nicht gelernt“ worden sei.

Maßnahmenkataloge

Wenn sie nun eine Milliarde Euro zur Verfügung hätten: Welche Maßnahmen würden die Diskutanten damit angehen?

Lasshofer beantwortete Kwaukas Frage mit drei Punkten. Erstens: Sparförderung, ein großzügiges Prämienmodell mit biometrischen Komponenten. Zweitens: Investition in Finanzbildung. Drittens sollten Möglichkeiten gefunden werden, das angesammelte Sparvermögen etwa in Infrastrukturprojekte zu lenken.

Bosek würde die Milliarde zur Gänze in Finanzbildung investieren. Er setze darauf, dass Menschen, das Richtige tun, wenn sie über das entsprechende Wissen verfügen – auch ohne, dass es einer Incentivierung bedürfte.

Was er vermisst, sind Modelle für Erwachsenenbildung. Hier müssten Formen gefunden werden, „die die Menschen annehmen“.

„Wo ist die Welle des Unmuts?“

Mittendorfer vermisst derweil das Aufbegehren, das seines Erachtens eigentlich einsetzen müsste, wenn man liest, was Walter Pöltner jüngst im „Standard“-Interview sagte.

Der Leiter der neuen Alterssicherungskommission hatte dort gemeint, dass der 45-jährige Interviewer „um etwa 20 Prozent weniger“ Pension erhalten werde „als ein vergleichbarer Angestellter, der vor zehn Jahren in den Ruhestand getreten ist“.

Forderung nach „Eingeständnis“ der Politik

Mittendorfer betonte, er sei freilich auch für Finanzbildung; er würde ein Viertel der veranschlagten Milliarde dafür ausgeben. Der Haken: „Bis das greift, sind die Betroffenen in Altersarmut.“

Er fordert von der Politik deshalb ein „Eingeständnis“, dass Österreich mit dem Umlageverfahren Altersarmut nicht werde vermeiden können. Um Altersarmut zu bekämpfen, werde es wahrscheinlich auch einer politischen Maßnahme in Form einer Erhöhung der Mindestpension bedürfen.

Die restlichen drei Viertel der Milliarde würde Mittendorfer für Förderungen in betriebliche und private Vorsorge aufwenden. Als eine Basis könne eine in ihrer Ausgestaltung „gravierend veränderte“ Zukunftsvorsorge dienen.

Zukunftsvorsorge ohne Garantie

Lasshofer knüpfte daran an und plädierte für eine Liberalisierung der Veranlagungsvorschriften.

Die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge solle ein Hybridprodukt aus klassischem Deckungsstock und Fondsanteilen sein, ohne aber zu Garantien verpflichtet zu sein. „Garantien sind Optionen, und Optionen fressen Erträge.“

Verpflichtend sollten seiner Ansicht nach hingegen die Auszahlungsmöglichkeiten eingeschränkt sein, sprich eine „Pönalisierung“ zur Folge haben, die dazu motiviert, nicht aus dem Ansparprozess auszusteigen – dies verbunden mit einer „vernünftigen Förderung“.

Abschied von „luxuriösen Nettoersatzraten“

Lasshofer hält auch eine Veränderung in der Sozialversicherung für nötig. Sie müsse sich an die steigende Lebenserwartung anpassen, „sonst wird ’s schwierig werden“. Von „luxuriösen Nettoersatzraten“ werde man sich verabschieden müssen.

Als Konsequenz daraus müsse der Staat Wege für eine Vorsorge in der zweiten und dritten Säule ebnen. „Vor diesem Thema die Augen zu verschließen, ist der falsche Weg.“

 
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