Beschädigung beim Reifenwechsel: Betriebsschaden oder Unfall?

16.7.2020 – Nachdem ein Fahrzeug beim Reifenwechsel vom Wagenheber abrutschte und beschädigt wurde, verweigerte der Kaskoversicherer eine Leistung. Die daraufhin angerufene Rechtsservice- und Schlichtungsstelle der Makler bezog sich auf höchstgerichtliche Entscheidungen zur Abgrenzung von Betriebs- und Unfallschäden. Demnach liege hier ein Unfall vor, dem Versicherer wird die Deckung empfohlen.

Der Geschäftsführer eines Unternehmens wollte im November 2019 bei einem Pkw einen Reifenwechsel vornehmen. Dabei rutschte der Wagenheber plötzlich ab und beschädigte das Blech an der Unterbodenverkleidung.

Für das Fahrzeug war eine Kaskoversicherung abgeschlossen. Laut Versicherungsbedingungen bestand Versicherungsschutz bei Beschädigungen durch einen Unfall. Ein solcher war als „ein unmittelbar von außen plötzlich mit mechanischer Gewalt einwirkendes Ereignis“ definiert.

Betriebsschäden – laut Versicherungsbedingungen „Schäden, die im Zusammenhang mit Betriebsvorgängen durch normale Abnutzung, Material- oder Bedienungsfehler an dem Fahrzeug oder an seinen Teilen entstehen“ – waren dagegen nicht versichert.

Versicherer verweigert Leistung

Vom Versicherer forderte das Unternehmen einen Ersatz des Reparaturaufwands. Der Geschäftsführer habe ein kontrolliertes Handeln am Fahrzeug vorgenommen, das durch eine Ungeschicklichkeit plötzlich unkontrollierbar wurde und zur Beschädigung des Fahrzeugs führte.

Der Versicherer lehnte die Deckung mit der Begründung ab, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe.

Daraufhin wandte sich die Versicherungsnehmerin an die Rechtsservice- und Schlichtungsstelle des Fachverbandes der Versicherungsmakler und Berater in Versicherungsangelegenheiten (RSS).

Betriebs- oder Unfallschaden?

In ihrer Empfehlung bezieht sich die RSS auf mehrere Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs, in denen dieser eine Abgrenzung von Betriebs- und Unfallschäden vorgenommen hat.

Von einem Unfall sei dann zu sprechen, wenn das schädigende Ereignis nach der Art, wie der versicherte Gegenstand im konkreten Fall verwendet wurde, außergewöhnlich erscheint, so dass damit im Vorhinein nicht zu rechnen gewesen sei.

Ereignisse, die ohne weiteres vorausgesehen werden können, würden dagegen Betriebsgefahren darstellen, denen auf geeignete Weise zu begegnen sei. Entscheidend sei, ob das Schadenereignis mit Rücksicht auf den Verwendungszweck des Fahrzeugs dem Betriebsrisiko zugerechnet werden kann.

Demnach liege ein Betriebsschaden dann vor, wenn der Schaden durch eine Gefahr herbeigeführt wurde, die mit der Art, wie das Fahrzeug verwendet wird, gewöhnlich verbunden sei und normalerweise überstanden werde. Betriebsschäden seien nicht von der Kaskoversicherung umfasst.

Deckung empfohlen

Es komme nicht darauf an, ob ein Ereignis durch ein fahrlässiges Verhalten des Fahrzeuglenkers verursacht wurde. Daher stehe die Tatsache, dass der Versicherungsnehmer das plötzliche schadensverursachende Ereignis ausgelöst hat, nicht der Annahme eines Unfallschadens entgegen.

Es könne sich grundsätzlich um einen Unfall handeln, wenn dieses Ereignis durch Ungeschicklichkeit des Versicherungsnehmers ausgelöst wurde. Maßgeblich sei, dass ein zunächst kontrolliert begonnener Vorgang durch ein plötzliches und unerwartetes Ereignis unkontrollierbar wird.

Allerdings dürfe es sich dabei nicht um einen bereits von vorneherein erkennbar falsch eingeleiteten Betriebsvorgang gehandelt haben, der aufgrund der Erkennbarkeit vor Schadenseintritt hätte gestoppt werden müssen.

Solange also das Abrutschen des Wagenhebers nicht auf einen erkennbaren Bedienungsfehler zurückzuführen war, handle es sich um ein versichertes Unfallgeschehen, so die RSS. Dem Versicherer wurde die Deckung empfohlen.

Weitere Informationen

Die Empfehlung der RSS kann als PDF-Dokument (359 KB) von der Website des Fachverbandes heruntergeladen werden.

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Pkw · Versicherungsmakler
 
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