Bürgeranwalt: Autodiebstahl ohne Einbruchsspuren?

20.11.2018 – Der „Bürgeranwalt“ des ORF befasste sich mit einem Fall, in dem ein Versicherungsnehmer den Diebstahl seines Autos gemeldet und dafür von der Versicherung eine Zahlung erhalten hatte. Als das Auto gefunden wurde, fand ein von der Versicherung bestellter Gutachter keine Einbruchsspuren. Der Versicherungsnehmer war bei derselben Gesellschaft rechtsschutzversichert, der Vertragsanwalt riet ihm, das Geld zurückzuzahlen. Nun ist ein Gerichtsgutachten zu einem anderen Ergebnis gekommen. Im Jänner ist die nächste Verhandlung.

Im September 2015 sei sein Auto während seines Griechenland-Urlaubs gestohlen worden, erzählte der 49-Jährige Floridsdorfer Roman V. in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“.

Der Schlüssel sei auch nach dem Diebstahl im Vorzimmer gelegen, der zweite Schlüssel habe sich im Schlüsselkasten befunden. Er sei gleich auf die Polizei gegangen, habe eine Diebstahlsanzeige gemacht und eine Anzeigenbestätigung erhalten.

Mit dieser hat er sich an seine Vollkaskoversicherung, die Wiener Städtische Versicherung AG, gewendet. Diese habe, wie es in der ORF-Sendung hieß, „tatsächlich eine Entschädigung von 8.200 Euro für den Diebstahl seines Autos“ bezahlt.

Auto wird wieder gefunden

Er sei froh gewesen, dass das „am Anfang so reibungslos geklappt hat mit der Versicherung“. Doch als er später das Gutachten bekommen habe, sei der nächste Schock gekommen, so V. zum ORF.

Das gestohlene Auto war nämlich in Znaim (Tschechien) wieder aufgetaucht. Wie die Wiener Städtische dazu erklärt, habe sie das Schloss von einem gerichtlich zertifizierten Sachverständigen für Kriminologie genau auf Spuren eines Einbruchs und einer Manipulation sowie darauf, ob Veränderungen an den elektronischen Komponenten des Autos durgeführt wurden, untersuchen lassen.

Im Versicherungsgutachten vom März 2016 heißt es: „Es konnten an den insgesamt vier Stück Öffnungshebeln keinerlei Manipulationsspuren (Kratzspuren, Spuren eines Einbringens von einem Gegenstand, dünner Metalldraht z.B.) erkannt werden.“

Darüber hinaus sei auch keine Manipulation am EWS-Steuergerät erkannt worden. Es sei daher auch „kein illegaler Schlüssel mittels Tool im EWS-Steuergerät angelernt“ worden.

Versicherung fordert Geld zurück

Er habe ein dickes Kuvert mit 200 Fotos erhalten, erzählt V. weiter. Im Anhang sei „in dicker Schrift“ gestanden, er hätte „Versicherungsbetrug gemacht“.

Sein damaliger Anwalt – ein Vertragsanwalt der Wiener Städtischen, bei der er auch rechtsschutzversichert gewesen sei – habe ihm geraten, das Geld zurückzuzahlen und gemeint, es könnte zu einer Strafanzeige gegen ihn kommen.

Insgesamt forderte die Versicherung von Herrn V. 12.434,75 Euro inklusive der Kosten für das Gerichtsgutachten und des Transports des Autos von Znaim nach Wien.

Erst nachdem er das Geld an die Versicherung überwiesen hatte, sei ihm klar geworden, dass die Überweisung als eine Art Schuldeingeständnis gewertet werden könnte. Aber: „Wenn ich zu einem Anwalt gehe und er rät mir das, mach ich es auch.“

Neuer Anwalt sieht Sache anders

V. suchte sich einen neuen Anwalt und fordert mit dessen Hilfe das Geld vor Gericht von der Versicherung zurück. Das Gericht habe einen Sachverständigen für Schloss- und Schlüsseluntersuchungen beauftragt, sich das Auto nochmals anzusehen, berichtet der ORF.

Dieser Sachverständige erklärte: „Ich bin mir 100-prozentig sicher, dass sowohl das Fahrertürschloss wie auch das Zündschloss gewaltsam überwunden wurden.“ (Gerichtsprotokoll vom 25. September 2018).

Die Wiener Städtische habe mit dem Verweis auf ein laufendes Verfahren dem ORF kein Interview gegeben und auch keinen Teilnehmer zur Sendung Bürgeranwalt gesandt, so der ORF. Am 7. November 2018 habe sie allerdings eine schriftliche Stellungnahme abgegeben.

Vor dem Bürgeranwalt

„Ein allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Kriminologie hat aufgrund einer genauen Spurenanalyse festgestellt, dass beim Fahrzeug keine Einbruchsspuren existieren und das Auto mit einem Originalschlüssel gesperrt und in Betrieb genommen wurde“, zitiert der ORF die Versicherung.

Man habe daher „im Sinne unserer Versicherungsgemeinschaft die Leistung zurückfordern“ müssen.

Zweites Gutachten

Für Harald Redl, den neuen Anwalt von Herrn V., handle es sich dabei aber um ein Privatgutachten, das vor Gericht keine große Beweiskraft habe. Entscheidend sei der vom Gericht hinzugezogene Gutachter, der dem Richter helfen solle, die tatsächlichen Ereignisse zu rekonstruieren.

Dies sei hier auch geschehen. Der Gerichtsgutachter habe erklärt, welche Unterlassungen es im ersten Gutachten gegeben habe und welche Untersuchungen nicht durchgeführt worden seien, so Redl.

Und er habe in seinem Gutachten „sehr eindrucksvoll“ erklärt, „mit welchen eigentlich üblichen Untersuchungen, die vorher nicht gemacht wurden, Spuren erkannt wurden“.

Im Gegensatz dazu habe die Wiener Städtische schriftlich erklärt, so der ORF, dass das vom Gericht bestellte Gutachten „noch nicht final“ vorliege und dass das Gericht Ergänzungen für erforderlich halte.

Prozess verzögert sich

Anwalt Redl führt die Verzögerungen im Prozess hingegen darauf zurück, dass „immer wieder Anträge auf Erörterung und Ergänzung gestellt werden, die das Gericht natürlich erfüllen muss.“ Dass der erste Anwalt Herrn V. empfohlen hatte, das Geld zurückzuzahlen, will er nicht kommentieren. Aber: „Ich aus meiner Sicht hätte diesen Rat niemals erteilt.“

Schließlich ließ der Bürgeranwalt auch noch die Versicherungsmaklerin und allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Versicherungsfragen Elisabeth Schörg zu Wort kommen.

Sie betont, dass der Versicherungsnehmer bei einem Autodiebstahl verpflichtet sei, „vollständige, wahrheitsgemäße Angaben zu geben, sowohl der Polizei als auch dem Versicherer, und zwar, was den Schadensort und die Zeit betrifft.“

Aus Sicht von Rechtsanwalt Redl sei das alles passiert: „Am Anfang ist alles richtig gemacht worden.“ Die nächste Gerichtsverhandlung findet Anfang Jänner statt.

Weiterführende Information

Die Sendung „Bürgeranwalt“ vom 17. November 2018 steht noch für wenige Tage in der ORF-TVThek zur Verfügung. Der Abschnitt zum beschriebenen Fall ist unter diesem Link direkt abrufbar.

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