Bürgeranwalt: Pitbull stieß 80-Jährige um, Versicherung zahlt nicht

17.9.2021 – Ein Pitbull, der seinem Besitzer ausgekommen war, rannte auf der Straße eine 80-jährige Frau um. Diese brach sich mehrere Halswirbel und war ein halbes Jahr an einen Rollstuhl gebunden. Zehn Monate nach dem Unfall hat die Versicherung des Hundebesitzers noch nichts bezahlt.

Die 80-jährige Geschädigte lebt mit ihrem 72-jährigen Gatten in Steyr. Neben einer Wohnung besitzen die beiden ein Schrebergartenhaus am Stadtrand. Während ihr Mann dort im Garten arbeitete, machte sie einen Spaziergang durch die Nachbarschaft.

Derweil war einem Hundebesitzer in der Gegend sein Pitbull ausgekommen. Er sei auf einmal weg gewesen, so der Besitzer. Der Hund lief der alten Dame dann über den Weg und rannte sie aus einem nicht feststellbaren Grund um, was sie auf den Boden warf und schwer verletzte.

Ein Schienbeinkopf und drei Wirbel waren gebrochen: zwei im Nacken, ein Brustwirbel. Das Resultat: elf Tage auf der Intensivstation, insgesamt zwei Monate im Spital. Ein halbes Jahr war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Spätfolgen sind nicht auszuschließen.

Haftung des Hundehalters

Laut Aussage ihres Gattens hatte der Hundebesitzer zunächst abgestritten, dass sein Hund für den Unfall verantwortlich gewesen wäre. Seine spätere Behauptung, sie sei über dessen Leine gestolpert, könne nicht stimmen, weil er gar nicht angeleint gewesen sei.

Auf Anraten ihres Rechtsanwalts forderten sie von der Versicherung des Hundehalters, Schmerzensgeld und den Ersatz der Kosten für einer dringen nötigen Haushaltshilfe. Der Versicherer hätte sich aber bisher nicht bereit erklärt, für den Schaden aufzukommen.

Die Verletzungen seien beträchtlich, so der Anwalt weiter, eine dauerhafte Schädigung sei möglich. Dazu komme eine Traumatisierung durch den Vorfall. Er rechnet damit, dass mehrere Gutachten von Sachverständigen nötig sein werden, die Schadenhöhe werde deutlich jenseits mehrerer 10.000 Euro liegen.

Haftung des Hundehalters

Laut dem Rechtsanwalt der Geschädigten stehe der Versicherer in der Pflicht. Ein Hundehalter, der die Aufsichtspflicht vernachlässigt, hafte laut § 1320 Ab1 ABGB für Unfälle:

„Wird jemand durch ein Tier beschädigt, so ist derjenige dafür verantwortlich, der es dazu angetrieben, gereizt oder zu verwahren vernachlässigt hat. Derjenige, der das Tier hält, ist verantwortlich, wenn er nicht beweist, dass er für die erforderliche Verwahrung oder Beaufsichtigung gesorgt hatte.“

Die Gesetzeslage sei eindeutig, so der Anwalt. Laut Oberstem Gerichtshof müsse man gerade einen großen, schweren Hund jederzeit unter Kontrolle haben. Der Hundehalter müsse beweisen, dass er den Hund ordnungsgemäß gehalten habe; strafrechtliche Folgen dürfte der Unfall für ihn aber keine haben.

Doch Angebot des Versicherers

Anlässlich des Falls lud die ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ zehn Monate nach dem Unfall den Rechtsanwalt sowie die Pressesprecherin des österreichischen Kynologenverbandes zu sich in die Sendung. Für die Sendung gab dann auch die Versicherung eine schriftliche Stellungnahme ab:

Man habe die Haftung nie abgelehnt, es bräuchte nur Zeit, um die nötigen Feststellungen zu treffen. Nötig sei eine medizinische Begutachtung nach Beendigung der Heilbehandlung, um die Ansprüche seriös zu berechnen. Das sei erst ein Jahr nach dem Unfall sinnvoll, die Beschwerde sei daher „in keiner Weise nachvollziehbar“.

Der Rechtsanwalt der Geschädigten widersprach dem: Ein Jahr abzuwarten sei nur zur Beurteilung allfälliger dauerhafter Invalidität üblich. Zumindest Schmerzensgeldansprüche stünden der Geschädigten aber bereits deutlich früher zu. Zumindest eine Stellungnahme wäre gut gewesen.

Der Versicherer fügte in seinem Schreiben an den Bürgeranwalt aber hinzu, er sei leider nicht über die finanziell angespannte Situation der Familie informiert gewesen. Gerne werde man eine Vorauszahlung in der Größenordnung zwischen 5.000 und 10.000 Euro zur Verfügung stellen.

Weiterführende Information

Die Sendung steht noch für wenige Tage in der ORF-TVthek zum Abruf bereit. Der Abschnitt mit dem beschriebenen Fall ist unter diesem Link direkt erreichbar.

Leserbriefe zum Artikel:

Rudolf Mittendorfer - „I wü’s goa ned wissn“. mehr ...

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Invalidität
 
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