Nach Großbrand: Deckung für nicht brandkausale Schäden?

1.7.2020 – Nach dem Großbrand, der im Mai des Vorjahres rund 50 Wohnungen im vierten und fünften Geschoß einer Wiener Wohnhausanlage zerstört hat, verzögert sich die Sanierung. Ein vom Versicherer in Auftrag gegebenes Gutachten hat konstruktive Mängel an den fast 70 Jahre alten Betondecken festgestellt, für deren Sanierung sollen nun die Wohnungseigentümer aufkommen. Der ORF-Bürgeranwalt hat den Fall aufgegriffen.

Die Bilder dürften viele noch vor Augen haben: Ein Großbrand in einer Wohnhausanlage im Wiener Bezirk Simmering zerstörte rund 50 Wohnungen im vierten und fünften Stock. Mehr als 100 Feuerwehrmänner kämpften damals rund zwölf Stunden gegen die Flammen.

Auslöser dürfte laut einem Sachverständigen ein technischer Defekt an einem Laptop-Akku gewesen sein; Brandstiftung sei ausgeschlossen. Zur Frage, warum der Brand so verheerende Ausmaße angenommen habe, wollte die Feuerwehr keine Stellungnahme abgeben, so der ORF.

Die Renovierung verzögert sich, weil es einen Streit mit dem Gebäudeversicherer gibt. Nach wie vor wohnen die betroffenen Wohnungseigentümer entweder bei Verwandten oder in Übergangsquartieren. Nun wandten sie sich an den ORF, der den Fall in der Sendung „Bürgeranwalt“ aufgriff.

Mängel in den Decken schon vor dem Brand

Experten hätten nach dem Brand festgestellt, dass die Tragfähigkeit und Gebrauchsfähigkeit der Geschoßdecken zwischen drittem und viertem sowie viertem und fünftem Stock mangelhaft seien und nicht den heutigen Normen entsprächen.

Weil diese Mängel schon vor dem Brand bestanden hätten, weigere sich der Versicherer, die Gesamtkosten des Wiederaufbaus zu übernehmen, die von der Hausverwaltung aufgrund einer „vorsichtigen Schätzung“ mit 16 Millionen Euro beziffert werden.

Da es sich bei allen Wohnungen der Anlage um Eigentumswohnungen handle, werde die Wohnungseigentümergemeinschaft einen Teil der Kosten tragen müssen, befürchtet der Geschäftsführer der Hausverwaltung, Karl Wiesflecker, im Gespräch mit dem ORF.

Reparaturen und Sanierungen würden in die Verantwortlichkeit der Eigentümergemeinschaft fallen, es bestehe eine solidarische Verantwortung aller Miteigentümer für das, was im gesamten Objekt zu sanieren ist.

Versicherer sieht keinen Kausalzusammenhang

In einer schriftlichen Stellungnahme erklärt der Versicherer, er habe nach dem Brand umgehend mit der Hausverwaltung die Schritte für eine Sanierung besprochen: „Seitdem sind wir unserer Leistungsverpflichtung voll nachgekommen und kommen für die Brandschäden in voller vertraglich vereinbarter Form auf.“

Allerdings seien im Zuge der aufgenommenen Brandschäden unter anderem auch nicht kausale statische Probleme an verschiedenen Feldern der Gebäudedecken ausgemacht worden. Diese würden mit der Errichtung des Gebäudes in Verbindung stehen und hätten schon vor dem Brand bestanden.

Selbstverständlich komme man für die brandkausalen Deckenschäden auf, so der Versicherer weiter. Zusätzlich habe man auch die umfangreiche Überprüfung übernommen, um einen Zusammenhang mit dem Brand abklären zu können und Klarheit über den statischen Zustand zu erhalten.

Gutachten: nicht alle Fragen geklärt?

Für Anwalt Johannes Bousek, der im ORF-Studio als Vertreter mehrerer Wohnungseigentümer auftrat, ist es Sinn einer Gebäudeversicherung, Ereignisse zu versichern, bei denen ein Verursacher oder ein Verschulden nicht festgestellt werden kann, um einen Einzelnen in Anspruch zu nehmen.

Laut Landespolizeidirektion stehe die Ursache nicht mit Sicherheit fest, ein Strafverfahren gegen Unbekannt sei von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, so der Anwalt.

Allerdings müsse ein Versicherer nur brandkausale Schäden zahlen; in diesem Fall gebe es eine statische Stellungnahme, dass im Zuge der Aufräumarbeiten konstruktive Mängel an Geschoßdecken festgestellt worden seien. Dabei handle es sich hauptsächlich um technische Fragen, die er nicht beantworten könne.

Es gebe aber kein ausführliches Gutachten, in dem festgestellt wird, in welchem Ausmaß die Brandbelastung dazu beigetragen habe, dass sich der Zustand noch weiter verschlechtert hat und in welchem Ausmaß eine Sanierung erfolgen müsse, die nicht brandkausal ist.

Verantwortung der Wohnungseigentümer-Gemeinschaft

Es gehe darum, dass die Betondecken zwischen den Geschoßen aufgrund ihrer von 1953 stammenden Konstruktion einen Beschädigungsgrad aufweisen, der nicht eindeutig auf Brandursachen, Löschwasser oder ähnliches zurückzuführen sei, so Hausverwalter Wiesflecker.

Ursache sei die Bauweise der Deckenkonstruktion; die Wohnungseigentümer müssten den Kostenaufwand dieser Sanierung aus Eigenem tragen. Die Kosten würden nicht von der Versicherung übernommen, weil keine Kausalität der Brandursache hergestellt werden könne.

Anwalt Bousek dagegen argumentiert, dass zwar eine Detailuntersuchung der Decken durchgeführt worden sei. Die Konklusio, in welchem Ausmaß die Eigentümer selbst für den Schaden aufzukommen hätten, habe es letztlich aber nicht gegeben.

Früher keine Beanstandungen

Wohnungseigentümer erklärten gegenüber dem ORF, das Haus sei „in den 2.000er-Jahren“ generalsaniert worden, außerdem wurde unter dem Gebäude eine U-Bahn-Linie gebaut. Dabei habe es keine Beanstandungen an der Substanz gegeben, es seien nie Mängel aufgetreten.

Wiesflecker erklärt dazu, dass das Sanierungsprojekt im Jahr 2006 nur die „Außenhülle des Gebäudes“ betroffen habe, es wurden Wärmedämmungen an Fassade und Keller vorgenommen sowie das Dach saniert.

Die Konstruktion der Decken könne dagegen nur begutachtet werden, wenn entweder von unten Putz und vorhandene Platten oder von oben alle Bodenbeläge entfernt werden. Dies sei nicht Gegenstand des Sanierungsprojekts gewesen, es sei auch nie ein Sanierungsbedarf festgestellt worden.

Erst im Zusammenhang mit dem Brandschaden sei das Problem erkannt worden, weil „durch die Feuerlöscheinwirkung bestimmte Dachdecken-Untersichten aufgemacht werden mussten“. Erst dadurch sei die Frage der Konstruktion dieser Decken aufgekommen, so Wiesflecker.

Was auf die Eigentümer zukommt

Aufgrund der Mittragungspflicht der Eigentümer an der Behebung des Schadens habe die Hausverwaltung nun mit dem Versicherer eine Vereinbarung getroffen, berichtete Anwalt Bousek.

Für die Sanierung der Decke des vierten Obergeschoßes müssten die Eigentümer „ein Drittel oder ein Viertel“, für die Sanierung im dritten Obergeschoß sämtliche Kosten tragen, da hier die Kausalität ganz verneint werde.

Ein im ORF-Studio anwesender Wohnungseigentümer hofft dennoch auf eine Kulanzlösung der Versicherung: Zehn Stunden Dauerbrand und 10.000 Hektoliter Wasser hätte keine Geschoßdecke überlebt, sie hätte in jedem Fall getauscht werden müssen, so sein Argument.

Er sei überzeugt, dass Sachverständige und Versicherungen einen gewissen Spielraum besitzen, „und den sollten sie zu unseren Gunsten ausnutzen“.

Kritik auch an Hausverwaltung

Man befinde sich derzeit „in Aufarbeitung der bisherigen Ergebnisse und Unterlagen“, erklärte Bousek. Es sei davon auszugehen, „dass wir in die Tiefe gehen müssen“.

Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Hausverwaltung; diese entscheide derzeit allein, obwohl sie seiner Meinung nach in gewissen Bereichen die Eigentümer fragen müsste, kritisiert Bousek. Die Hausverwaltung sollte sich „mehr auf die Seite der Eigentümer stellen und deren Interessen vertreten“.

Weiterführende Information

Die Sendung steht noch für wenige Tage in der ORF-TVthek zum Abruf bereit. Der Abschnitt mit dem beschriebenen Fall ist unter diesem Link direkt erreichbar.

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