OGH zur Haftung bei atypischen Gefahren auf einer Skipiste

12.4.2021 – Nachdem eine Klage gegen den Unfallgegner gescheitert war, klagte ein Jugendlicher nach einem Skiunfall die Pistenhalterin. Der OGH stellte klar, dass ein Pistenhalter nicht grundsätzlich jede Gefahr abzuwenden habe, die sich aus dem Skifahren ergibt. Für außergewöhnliche Gefahren können auch visuelle Hinweise ausreichen. Die Klage wurde abgewiesen.

Der Kläger war 2017 elf Jahre alt, als er beim Skifahren einen Unfall erlitt. Er hatte eine „Wellenbahn“ befahren, die in die Publikumspiste mündet. Die Einfahrt war klar gekennzeichnet, unter anderem mit einem Schild mit der Aufschrift „Slow“. Bei der Einfahrt stieß er mit einem anderen Skifahrer zusammen und verletzte sich schwer.

Trotz seines geringen Alters war der Kläger bereits ein erfahrener Skifahrer. Er hatte mit drei Jahren mit dem Sport begonnen und ist Mitglied in einem Skiclub. Die FIS-Regeln waren ihm bekannt. Insbesondere mit diesem Skigebiet hatte er viel Erfahrung, so verfügt er dort über eine Dauerkarte.

Die Wellenbahn ist von ihrer Schwierigkeit her für Kinder geeignet, insbesondere an der Zusammenflussstelle. Mit einer Geschwindigkeit von rund 35 km/h hätte der erfahrene Kläger nach der Landung nach der letzten Welle problemlos abbremsen und sich kontrolliert einordnen können.

Klage gegen den Pistenhalter

Eine Klage gegen den Unfallgegner scheiterte wegen Eigenverschuldens des Klägers. Damit unzufrieden richtete der Jugendliche eine Schadenersatzklage gegen die Pistenhalterin. Die Beklagte habe gegen die Pistensicherungspflicht verstoßen. Diese bestritt dies und wies die Klage zurück.

Laut dem Kläger wäre die Pistenhalterin verpflichtet, das Ende der Wellenbahn von der übrigen Piste abzugrenzen. Nach der letzten Welle bräuchte es einen eigenen Auslauf, bis die Bahn in die Piste mündet. Der Beklagte dagegen behauptete, die vorhandene Kennzeichnung reiche aus.

Kläger jedenfalls mit schuldig

Das Erstgericht wies die Klage ab. Der Pistenhalter sei nicht verpflichtet, Skifahrer vor jeder möglichen Gefahr zu schützen, sondern nur vor atypischen Gefahren, die auch ein erfahrener Skifahrer auf einer Piste mit angemessenem Schwierigkeitsgrad nicht oder nur schwer vermeiden kann.

Das Berufungsgericht dagegen gab dem Leistungsbegehren zur Hälfte statt. Den Kläger treffe jedenfalls ein Teilverschulden, weil er nicht auf Sicht gefahren war und nach einer ihm bekannten FIS-Regel beim Einfahren benachrangt war.

Die Pistenhalterin treffe jedoch auch Verschulden. Sie habe nicht ausreichend sichergestellt, dass eine sichere Ausfahrt aus der Wellenbahn bei typischer Geschwindigkeit gefahrlos möglich ist. Da das Verschulden eines Kindes geringer zu werten ist, sei eine Teilung von 1:1 angemessen.

Revision beim OGH

Die Beklagte legte Revision ein und beantragte, das erstgerichtliche Urteil wiederherzustellen. Dem Obersten Gerichtshof zufolge ist diese Revision auch berechtigt.

Da zwischen den Streitteilen ein Vertragsverhältnis bestand, komme es nicht auf die Verkehrssicherungspflicht nach dem ABGB an, sondern auf die vertraglichen Schutzpflichten.

Für die Gefahren, die sich typischerweise aus dem Skifahren ergeben, ist der Skifahrer selbst verantwortlich. Ungewöhnliche Gefahren, die dem Skifahrer aber nicht oder nur schwer erkennbar sind, müssen verhindert werden, zumindest aber durch Warnmaßnahmen kenntlich gemacht.

Ausreichende Maßnahmen gesetzt

Eine Sonderfläche wie die „Wellenbahn“ wird als „Fun-Park“ bezeichnet. Ein „Fun-Park“ sei so von der Piste abzugrenzen, dass Sturzraum zur Verfügung steht, eine Gefährdung der Pistenbetreiber ausgeschlossen ist und man nicht zufälligerweise in den „Fun-Park“ gerät, so der OGH.

Zumindest brauche es eine optische Abtrennung, die obige Kriterien aber gewährleisten muss.

Hier lagen mindestens zehn Meter zwischen der letzten Welle und der Mündung in die Piste. Diese Distanz hätte ausgereicht, um abzubremsen, und sich kontrolliert einzuordnen. Es bestand keine Sichtbehinderung und das Ende der Bahn war ausreichend ausgeschildert.

Die Beklagte habe also entsprechende Maßnahmen gesetzt, um atypische Gefahren abzuwenden. Die Ansicht des Berufungsgerichts wurde vom Höchstgericht nicht geteilt und der Revision daher stattgegeben.

Die Entscheidung im Volltext

Die OGH-Entscheidung 4Ob181/20a vom 23. Februar 2021 ist im Rechtsinformationssystem des Bundes im vollen Wortlaut abrufbar.

 
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