Dürre-Schäden: 2026 übertrifft Vorjahre um ein Vielfaches

11.8.2026 – Von „katastrophalen Dürreschäden“ in der Landwirtschaft berichtet die Hagelversicherung. Das Ausmaß per 10. August: rund eine Milliarde Euro. Das entspricht nahezu der Schadensumme der letzten zehn Gesamtjahre zusammen. Der Versicherer ruft zum Handeln auf, zumal der Klimawandel die Lebensmittelversorgung gefährde; auch die Bodenversiegelung wirke sich negativ aus. Die Versicherbarkeit des Dürrerisikos sieht Vorstandschef Kurt Weinberger auch weiterhin gewährleistet.

Pressekonferenz am Montag in der Unternehmenszentrale der Österreichischen Hagelversicherung in Wien (v.l.n.r.): Prof. Anders Levermann, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, (li.) und Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Hagelversicherung (Bild: Lampert)
Pressekonferenz am Montag in der Unternehmenszentrale der Österreichischen Hagelversicherung in Wien: Prof. Anders Levermann, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung des Potsdam-Instituts für Klimafolgen-forschung, (li.) und Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Hagelversicherung (Bild: Lampert)

Österreichs Landwirtschaft verzeichnet heuer, per 10. August, aufgrund von Dürre bereits Gesamtschäden in Höhe von einer Milliarde Euro. Das gab die Österreichische Hagelversicherung am Montag in einer Pressekonferenz in Wien bekannt.

Der Klimawandel führe zur Zunahme der Schäden, betonte Vorstandsvorsitzender Kurt Weinberger: Schadenereignisse, wie es sie früher alle zehn Jahre gegeben habe, träten mittlerweile alle zwei bis drei Jahre auf.

2026 ist besonders extrem: In den vorangegangenen zehn Gesamtjahren betrug die Schadensumme zusammengerechnet 1,1 Milliarden Euro.

Schäden in der Landwirtschaft seit 2017 (Grafik: ÖHV)
Schäden in der Landwirtschaft, aufgeschlüsselt nach Schadenart: die Gesamtjahre seit 2017 und das Jahr 2026 bis 10. August. Zum Vergrößern Grafik anklicken (Quelle: ÖHV).

Im Schnitt 30 Prozent Ertragsausfall

Sämtliche landwirtschaftlichen Kulturen leiden unter der Dürre, insbesondere Grünland, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kürbis, Soja, regional auch Getreide. Im Schnitt liege der Ertragsausfall heuer bislang bei 30 Prozent.

Besonders betroffen sei Grünland, wo sich der Ausfall auf 45 Prozent belaufe. Bei Getreide bezifferte Weinberger den Ausfall auf 15 Prozent, bei anderen Kulturen auf 25 Prozent.

Die Höhe des Ertragsausfalls reiche je nach Betrieb von 20 bis zu 100 Prozent, fügte Weinberger hinzu. Die „gute Nachricht“ angesichts der immensen Schäden: 80 Prozent der Ackerflächen seien gegen Dürre versichert; von den Grünlandflächen seien 40 Prozent versichert.

Für die Hagelversicherung bedeute dies nach aktuellem Stand ein Leistungsvolumen von rund 400 Millionen Euro – ein Mehrfaches des Prämienvolumens aus der Dürreversicherung, das er mit 100 Millionen Euro angab.

Ausbleibende Niederschläge

Schäden wie noch nie seien in diesem Jahr bereits zu verzeichnen gewesen, resümierte Weinberger. Die Gründe: Niederschlagsdefizite, Hitzetage und Rekordtemperaturen – ebenfalls „wie noch nie“.

In manchen Regionen habe es seit 15. Juni um mehr als 75 Prozent weniger Niederschläge gegeben als im jährlichen Durchschnitt der Periode 2016 bis 2025. In Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich) sei am 5. August eine Rekordtemperatur von 41,2 Grad gemessen worden.

Niederschlagsdefizite in Österreich, 15. Juni bis 10. August 2026 (Grafik: ÖVH)
Niederschlagsdefizite in Österreich, 15. Juni bis 10. August 2026. Zum Vergrößern Grafik anklicken (Grafik: ÖVH).

Zunehmende Hitzetage

In Wien (Innere Stadt) seien heuer bis 10. August 42 Hitzetage – das sind Tage mit 30 Grad oder mehr – gemessen worden. In dem bis 1981 zurückliegenden Vergleich ist das die höchste Anzahl.

Die Durchschnittswerte sind in den letzten Jahrzehnten nach und nach gestiegen: Von gerade einmal 9 Tagen in der Periode 1981–1990 über 15 Tage (1991–2000) und 21 Tage (2001–2010) auf 26 Tage (2011–2020). In den sechs Jahren des laufenden Jahrzehnts sind es bislang 31 Tage.

Hitzetage in Wien seit 1981 (Grafik: ÖHV)
Hitzetage in Wien seit 1981. Zum Vergrößern Grafik anklicken (Grafik: ÖHV).

Hitzewellen träten heute nicht nur häufiger auf, sie seien auch deutlich länger als früher, hebt die Hagelversicherung hervor. Sei deren durchschnittliche Dauer bis zu den 1980ern noch im Bereich von 1 bis 8 Tagen gelegen, so sei sie in den 2010er- bis 2020er-Jahren auf 5 bis 25 Tage gestiegen.

„Intensität und Häufigkeit von Wetterextremen werden zunehmen“

Anders Levermann, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hielt fest: Intensität und Häufigkeit von Wetterextremen werden zunehmen.

Die physikalischen Grundlagen seien seit Langem bekannt, und es sei durch zahlreiche Studien bestätigt, dass der Klimawandel menschengemacht ist.

Er erläuterte Zusammenhänge wie etwa die Speicherung von Wärme in der Atmosphäre durch Treibhausgas-Emissionen oder die erhöhte Aufnahme von Wasserdampf durch eine erwärmte Atmosphäre – was wiederum die Böden „trockensaugt“.

Folgekosten deutlich höher als Transformationskosten

Prof. Anders Levermann (Bild: Lampert)

Mit zunehmender Erwärmung würden Kipppunkte überschritten und Prozesse in Gang gesetzt, die zu Effekten führen, die sich über Jahrzehnte entwickeln und über Jahrhunderte anhalten können – eine Phase „zunehmender Instabilität“ für mehrere Generationen wäre daher die Folge.

Würde alles an Öl, Gas und Kohle verbrannt, „was wir gefunden haben“, würde dies laut Levermann zu einer Erderwärmung um 15 Grad führen.

Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichthandelns seien „enorm“ und „übersteigen die Kosten einer konsequenten Transformation deutlich“, so Levermann.

Wind, Sonne, Speicher, Batterien – das seien Zukunftstechnologien, mit denen die Wirtschaft in Europa Wachstum generieren könne. Wenn fossile Energieträger verbrannt werden, fließe hingegen in Länder wie Russland, Saudi-Arabien oder den Iran Geld ab, das „nicht wieder kommt“.

Dürrerisiko bleibt versicherbar

Wie steht es da um die Versicherbarkeit? Aus heutiger Sicht, sagte Weinberger, bleibt das Risiko Dürre weiterhin versicherbar.

Er verwies darauf, dass die Hagelversicherung Risikodiversifikation betreibe – sie bietet für eine Reihe weiterer Risiken neben Hagel Deckung an –, aufgrund ihrer Tätigkeit in mehreren Ländern einen Risikoausgleich herstellen könne und weltweit mit 36 Rückversicherern kooperiere.

Zudem gebe es ein „bewährtes System“ der öffentlich-privaten Partnerschaft, das die Leistbarkeit der Risikovorsorge ermögliche. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit müsse die Hagelversicherung auch nicht jährlich Dividenden ausschütten.

Bleibt dieses System auch funktionstüchtig, wenn Intensität und Häufigkeit von Wetterextremen zunehmen? Weinberger zeigt sich zuversichtlich: Das Ziel bleibe: Risikostreuung und mehr Risikoausgleich über die Fläche. Aus heutiger Sicht bleibe die Dürreversicherung kalkulierbar.

„Wir sind verletzbar“

Weinberger sprach nicht zuletzt die gesellschaftlichen Kosten von Dürren an: Die Lebensmittelversorgungssicherheit werde „deutlich zurückgehen“, Österreich stärker von Importen abhängig sein.

Bei Getreide liege der Selbstversorgungsgrad Österreichs aktuell bei 87 Prozent. Bei Mais seien es 83 Prozent, bei Kartoffeln 78, bei Gemüse 55 und bei pflanzlichen Ölen 26 Prozent.

Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Ich halte das für grob fahrlässig.

Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Hagelversicherung, über den Bodenverbrauch

Prognosen zufolge könnten diese Zahlen vor dem Hintergrund von Wetterextremen und Bodenverbrauch bis 2050/60 auf jeweils 50 Prozent bei Getreide und Mais fallen, bei Kartoffeln auf 28 und bei pflanzlichen Ölen auf 21 Prozent.

„Wir sind sehr verletzbar“, folgerte Weinberger und kritisierte, dass durch Verbauung „grob fahrlässig“ Land zerstört werde. Dadurch gehe Versorgungssicherheit verloren, ebenso die Funktion des Bodens als Wasser- und CO2-Speicher. Klimaschutz müsse daher mehr Bedeutung bekommen.

 
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