20.2.2026 – Wir vergleichen uns gerne. Versuchen, es den Erfolgreichen nachzumachen. Die Artenvielfalt ist aber durch Mutationen entstanden. Die Vielfalt, die es ermöglicht, so viele Spezialisten für die unmöglichsten Themen hervorzubringen, entstand aus (unbeabsichtigten) Abweichungen von der Norm, sagt Versicherungsmathematiker Christoph Krischanitz.

Wir vergleichen uns gerne. Körpergröße, Gewicht, sonstige Größen und Längenmaße, und natürlich auch weichere Faktoren, wie toll die Kinder sind, der ach so tolle Ehemann, die beste Frau von allen.
Wirtschaftlich geht das natürlich weiter. Wie viel Geld am Konto liegt, wie wertvoll die Lage des Grundstücks ist, das Auto ist ganz besonders wichtig und den besten Friseur und nächstes Jahr geht’s auf Weltreise nach Japan.
Das ist uns wichtig. Irgendwie. Und deshalb orientieren wir uns an denen, die mehr haben, die schöner sind und eine 3:20er Pace auch bergauf mit Langlaufskiern durchhalten.
In der Wirtschaft nennt man das Benchmarking. Wir orientieren uns am Markt und tun das, was anderen Erfolg gebracht hat. Muss bei uns ja auch funktionieren. Nehmt Euch ein Beispiel.
Wir kaufen dieselbe Standard-Software, wir werben über die gleichen Plattformen und wir lassen uns von den großen Strategieberatern die ultimative Erfolgsorganisation ins Unternehmen pressen.
Also wieder dasselbe.
Bis es Durchschnitt wird. Und dann sind wieder andere vorne, die Dinge anders gemacht haben. Und die Strategieberater finden das ultimative Rezept, wie man wieder nach vorne kommt. Und pressen das wieder in Eure Organisation. Wie bei allen anderen auch.
Das Ergebnis? Gehe zwei Absätze zurück.
Das Streben nach dem Erfolg der anderen, ist somit Streben nach dem Durchschnitt. Was man eigentlich nicht wollte. Und es immer und immer wieder tut. Weil es alle machen und daher gut sein muss.
Ihr denkt dabei doch hoffentlich nicht an Lemminge. Na geh.
Die Artenvielfalt ist durch Mutationen entstanden. Die Vielfalt, die es ermöglicht, so viele Spezialisten für die unmöglichsten Themen hervorzubringen, entstand aus (unbeabsichtigten) Abweichungen von der Norm.
Mathematisch gesprochen heißt das, wir brauchen mehr Varianz. Wirtschaftlich sprechen wir von Differenzierung.
Und ökonomisch gesprochen kämpfen wir gegen das Bertrand-Paradoxon.
Dieses besagt, es genügen zwei Unternehmen, die dasselbe Produkt verkaufen und sich über den Preis matchen, um letztendlich zum Selbstkostenpreis zu verkaufen. Ohne Gewinn an Marktanteilen. Ohne Profit. Marge gleich null. Nur weil über den Preis verkauft wurde.
Hätten Sie den Wettbewerb vermieden, dann hätten Sie die gleichen Marktanteile wie vor dem Preiskampf, nur höheren Gewinn. Tja, der Wettbewerb. Und der Ehrgeiz. Und die ambitionierten Ziele der Eigentümer.
Um trotz Preiswettbewerbs in diesen Kreislauf nicht hineinzugeraten, gibt es mehrere Strategien. Die Produktionskosten zu reduzieren, zumindest mehr als der Mitbewerb, zum Beispiel.
Sind beide darin jedoch gleich gut, ändert das nichts an der Lage. Bei ungleichen Marktanteilen funktioniert diese Strategie jedoch ganz gut, wie wir an den Supermärkten sehen. Dort steht ja Marktanteil für Machtanteil im Einkauf.
Bei geringer Preissensibilität ist das Problem auch nicht gegeben, da man dort selten über den Preis verkauft. Wie bei Luxusgütern zum Beispiel. 10 Prozent rauf oder runter sind da auch schon egal, Hauptsache schick.
Die beste Strategie gegen den Bertrand-Wettbewerb ist allerdings die Differenzierung. Im Produkt, im Marketing, in der Produktion, in der Bepreisung, wo auch immer. Es anders zu machen als der Mitbewerb.
Es gleich zu machen wie die Konkurrenz, ist also keine nachhaltige Strategie, sie führt unweigerlich zu einer Preisdebatte. Kurzsichtige Menschen sagen, das ist ja gut für den Konsumenten.
Langfristig Denkende sagen, ja, aber zu welchem Preis sinkt der Preis?
Wenn die Profite schwinden, gibt es nur den Weg Richtung Qualitätsverlust oder Ausbeutung, mit all den Problemen, die daraus entstehen. Kann sich daraus Wirtschaftswachstum ergeben (also ich meine echtes, nicht durch Shrinkflation künstlich erzeugtes)?
In der Versicherungswirtschaft kennen wir den Underwriting Cycle, das Wechselspiel zwischen weichen Märkten und harten Märkten. Wenn es runter geht, wird es also auch wieder rauf gehen mit der Prämie.
Warum spielt Bertrand da nicht mit? Tja die Regulierung ist der Spielverderber. Zu geringe Prämien erfordern hohes Kapital, und um das zu erreichen, müssen die Prämien wieder rauf. Bis zur Sättigung, dann geht es wieder runter. Ein ewiges Spiel. Und damit – nachhaltig.
Wer jetzt immer noch dem Schönheitsideal hinterherjapst, hat also viel zu verlieren. Wer seinen Vorbildern nacheifert, ist langfristig nur Durchschnitt.
Wer seinen eigenen Weg geht, braucht sich gar nicht zu vergleichen.
Christoph Krischanitz
Der Autor ist Versicherungsmathematiker (profi-aktuar.at) und verfügt über langjährige Erfahrung in der aktuariellen Beratung. Krischanitz war von 2004 bis 2019 Vorsitzender des Mathematisch-Statistischen Komitees im Versicherungsverband (VVO), von 2008 bis 2014 Präsident der Aktuarvereinigung Österreichs (AVÖ). Derzeit ist er unter anderem Chairman der Arbeitsgruppe Non-Life Insurance in der Actuarial Association of Europe (AAE).
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