Was die steigende Lebenserwartung für Versicherer bedeutet

24.3.2026 – Veränderungen in Bezug auf die Entwicklung der Lebenserwartung seien in beide Richtungen möglich, erläuterte Jochen Ruß vom Ulmer Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften beim Insurance Forum Austria. Weitere Risikomanagement-Maßnahmen und alternative Produktdesigns könnten für Versicherer deshalb an Bedeutung gewinnen.

Jochen Ruß (Bild: Thomas Magyar)
Jochen Ruß beim Insurance Forum Austria
2026 in Stegersbach (Bild: Thomas Magyar)

Steigende Lebenserwartung und der Megatrend „Longevity“ waren Themen des Vortrags von Jochen Ruß, Managing Director des Ulmer Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften sowie Professor an der Universität Ulm, letzte beim 14. Insurance Forum Austria in Stegersbach.

Ruß ging dabei auf die Perspektiven und Auswirkungen auf das Risikomanagement und die Produktentwicklung in der Versicherungswirtschaft ein. Als Versicherungsmathematiker schaue er dabei auf historische Daten und versuche, Strukturen herauszufinden.

Der Blick in die Vergangenheit lege zwar nahe, dass die menschliche Lebenserwartung auch in Zukunft steigen werde. Doch die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung sei vermutlich noch nie so groß gewesen wie heute. Für Versicherungen habe das aber Konsequenzen.

Entscheidende Frage: die zukünftige Entwicklung

Menschen wissen nicht wie alt sie werden und würden darüber hinaus diese Unsicherheit auch noch unterschätzen. Das mache finanzielle Ruhestandsplanung kompliziert. Sie würden eine Versicherung brauchen, weil die Lebenserwartung nicht ihrer tatsächlichen Lebensdauer entspricht, so Ruß.

Seit langem steige die sogenannte Rekord-Lebenserwartung, das ist die Lebenserwartung im jeweils „gesündesten“ Land der Welt, mit einer Geschwindigkeit von rund 2,5 Jahren pro Jahrzehnt linear an. Und die Zahl der 100-Jährigen steige exponentiell an. Wichtig sei daher eine lebenslange Rente.

Für Versicherungen stelle sich dabei allerdings die Frage, ob die Lebenserwartung in Zukunft weniger stark ansteigen, vielleicht sogar sinken werde, oder ob sich die Zunahme sogar noch beschleunigen wird. Ruß: „Was nicht in unseren Daten steht, wissen die Mediziner.“

Lebenserwartung könnte zukünftig langsamer steigen

Es gebe zahlreiche, sehr gute Argumente, die dafür sprechen, dass sich die Zunahme der Lebenserwartung zeitnah und deutlich verlangsamen wird. Selbst ein Rückgang der Lebenserwartung sei mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit möglich.

So sei die Lebenserwartung früher auch deshalb niedriger gewesen, weil viele Menschen in den ersten drei Lebensjahren starben; heute „wird bis Alter 60 wenig gestorben“, sagt Ruß. Auch Feinstaub, Mikroplastik und antibiotikaresistente Bakterien könnten sich negativ auswirken.

Und schließlich führe die „Reparaturmedizin“ gerade bei Senioren dazu, dass kaum, nachdem eine Krankheit in den Griff bekommen wurde, die nächste auftritt. Solange der medizinische Fortschritt nicht exponentiell zunimmt, könnte das zu einer Abflachung der Lebenserwartung führen.

Oder doch Beschleunigung der Lebenserwartung?

Gleichzeitig gebe es gute Argumente auch dafür, dass sich die Lebenserwartung zeitnah deutlich beschleunigen wird. Es scheine in greifbare Nähe gerückt, das Altern verlangsamen zu können.

Einerseits habe man als Individuum zahlreiche Möglichkeiten, die individuelle Lebenserwartung zu erhöhen – durch Sport, Ernährung, den Konsum von wenig Alkohol, den Verzicht auf Rauchen und durch ausreichenden Schlaf. Andererseits gebe es im Bereich der Medizin Chancen.

Ruß nennt beispielhaft Medikamente, die den Selbstreinigungsprozess des Körpers durch Verarbeitung des „zellulären Abfalls“ unterstützen, oder solche, die sogenannte „Zombie-Zellen“ (gealterte Körperzellen, die keine Funktion mehr haben, aber nicht absterben) bekämpfen.

Veränderungen in Bezug auf die Entwicklung der Lebenserwartung seien also in beide Richtungen möglich, so Ruß. Dabei seien Aspekte, die für eine Verlangsamung des Anstiegs sprechen, schon vorhanden, doch: „das Positive kommt vielleicht in der Zukunft“. Fazit: „Das ist Unsicherheit!“

Was das für Versicherungen bedeutet

Die Versicherungsbranche müsse dem Thema in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher, so Ruß. Aus individueller Sicht werde die Absicherung der Unsicherheit durch ein lebenslanges Einkommen nämlich immer wichtiger.

Und aus kollektiver Sicht sei das systematische Langlebigkeitsrisiko auf den Büchern der Versicherer möglicherweise größer als gedacht, womit weitere Risikomanagement-Maßnahmen wie Rückversicherung, Langlebigkeits-Derivate oder alternatives Produktdesign an Bedeutung gewinnen würden.

Eine Lösung für ein alternatives Produktdesign könnte dabei eine Fondpolizze ohne Garantien sein, für die keine Sicherheitsmarge nötig ist. Damit würde das Zufallsrisiko wegfallen, das systematische Risiko allerdings beim Kunden verbleiben.

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Aktuar · Rückversicherung · Senioren
 
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